Sonntag, 15. September 2013

‚Born to Run’ oder einfach nur ‚Laufen!’? - Vorstellung zwei neuerer Laufbücher (letztes Update am 25.12.2013)

Zieleinlauf am Rennsteig nach 73,2 km
Obwohl Bücher über das Laufen bereits Bibliotheken füllen, überraschen immer wieder auch interessante Neuerscheinungen, die eine Empfehlung wert sind. Zwei solcher Bücher verdienen eine intensivere Betrachtung.
Laufen!, Dr. Dr. Lutz Aderhold, Dr. Stefan Weigelt (nachfolgend als Aderhold/Weigelt bezeichnet), Stuttgart 2012 
Born to Run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt, Christopher McDougall (nachfolgend als McDougall bezeichnet), München 2010 (amerikanische Originalausgabe 2009)  
Die Autoren beider Bücher bearbeiten ein gemeinsames Thema und verfolgen ähnliche Absichten. Beide Bücher werben für den Laufsport, indem sie die vielfältig wirksamen persönlichen Benefits darstellen, die sich dank Ausdauersport im Allgemeinen und Laufsport im Besonderen auf relativ einfache Art und Weise erreichen lassen. Diese Benefits sind nicht nur Ausprägungen statistischer Metriken, sie sind individuell erfahrbar und bedeuten auf langer Sicht eine nachhaltige Steigerung oder Stabilisierung persönlicher Gesundheit, Freude und Lebensqualität.

Inhaltlich schlagen die Autoren jedoch völlig andere Wege ein. Unterschiedlicher können Ergebnisse zu einem gemeinsamen Thema kaum ausfallen. Die jeweiligen Zugänge der Autoren zum Thema ‚Laufen' widersprechen sich nicht. Sie beruhen auf unterschiedlichen Perspektiven, die jeweils ihre Berechtigung haben und sich daher ergänzen.

Was unterscheidet die beiden Bücher?

Als Mediziner bzw. Medizinwissenschaftler und ehemalige deutsche Spitzenläufer auf Ultralangstrecken verfügen Aderhold/Weigelt über die Expertise zur Sachanalyse des Themenfeldes ‚Laufen'. Sie konzipieren ihr Buch ‚Laufen!' als eine Mischung von Fachbuch und Ratgeber für gesundheitsorientierte Anfänger und moderat leistungsorientierte Fortgeschrittene des Laufens. Die Autoren geben der Thematik eine Struktur mit 12 Hauptaspekten, die sie jeweils differenzieren, analysieren, erläutern und bewerten. Aspekte von Unterhaltungswert sind für die Autoren von nachrangiger Bedeutung. Sie bieten stattdessen im Ergebnis eine weit gefasste sowie möglichst vollständige und korrekte Sachdarstellung relevanter Aspekte des Laufens aus unterschiedlichen Blickrichtungen.

Die Ansprüche der Autoren orientieren sich an Wissenschaftsbildern empirisch-analytischer Erklärungsmodelle, wie sie z.B der ‚Behaviorismus' vertritt (ein Konzept, das Verhalten mit naturwissenschaftlichen Methoden ohne Rückgriff auf Zustände von Wahrnehmung, Bewusstsein oder Motivation analysiert und erklärt). Aderhold/Weigelt beschreiben ihr Erklärungsobjekt ‚Läufer' auf Basis von Wissen und Erfahrung über intrinsische Mikroprozesse des Zellstoffwechsels und der Organplastizität. Einflüsse modellierender Reize (wie Training, Regeneration, Ernährung, Krankheit etc.) beschreiben und bewerten die Autoren als Variablen von Entwicklungsprozessen in Richtung angestrebter Zielgrößen.

Das Thema ‚Laufen' behandeln Aderhold/Weigelt mit höherer Informationsdichte und wesentlich präziser als McDougall. Die empirisch-analytische Betrachtung abstrahiert von Eigenheiten individueller Persönlichkeiten und ihren Umgebungsbedingungen. Daher überrascht nicht, wenn kognitive Prozesse von Läufer sowie Austauschprozesse zwischen Läufern und ihrer Umgebung außerhalb des Fokus von Aderhold/Weigelt liegen. Gemäß Denkweise westlicher Medizin blenden die Autoren solche Parameter aus ihrer Betrachtung aus, die sich der Beobachtung und Messbarkeit durch Dritte entziehen. In der Konsequenz betrachten die Autoren Läufer wie geschlossene selbstregulierende Systeme bzw. wie Maschinen.

Für McDougall ist ‚Laufen’ mehr als ein Reiz, der modellierend auf Objekte einwirkt. ‚Laufen’ ist ein Prozess, in dem sich (a) ein Individuum selbst reflektiert, der (b) in der Interaktion von Individuen mit ihrer Umgebung stattfindet, durch den (c) Wechselwirkungen zwischen Läufern und ihre Umwelt stattfinden, die schließlich (d) modellierend auf Individuen und auf Kultur einwirken und damit (e) die ursprüngliche Ausgangssituation von Interaktionen und der an ihnen Beteiligten verändern. Existenz und Relevanz physiologischer Mikroprozesse wird McDougall vermutlich nicht abstreiten, aber sie liegen nicht in seinem Fokus vom Laufen.

Als amerikanischer Journalist kommt es McDougall nicht auf Feinheiten differenzierter Darstellung von Sachinformationen an. Um wahrgenommen zu werden, verpackt der Autor seine Botschaften und Informationen gemäß dem Credo „Tell a good Story“ in mehrere miteinander verwobene Handlungsstränge. McDougall verfolgt eine Mission und setzt auf bewährte Show-Effekte. Er scheut sich nicht, seine Stories als ‚Reality-Show’ zu inszenieren. Wegen ihrer im Kern nicht erfunden Geschichten gilt ‚Born to Run’ im Sinne des englischen Sprachgebrauchs als ‚nonfiction text’. Ob ‚Born to Run’ ein ‚Sachbuch’ ist, als das es in mehreren deutschsprachigen Rezensionen bezeichnet wird, ist diskutierbar. Ein Fachbuch ist es definitiv nicht.

Eigenes Erleben und Verhalten versteht McDougall nicht im Sinne eines einfachen Input-Output-Schemas, das sich von Außen durch Beobachtung erschließen ließe, sondern als komplexes Wechselspiel zwischen subjektiver Wahrnehmung, Verhalten und Welt. Genetische Voraussetzungen und bereits vorhandene Erfahrungen bilden kognitive Strukturen, die Verständnis und Deutung von Außenwelt und Innenwelt ermöglichen und modellierend auf eigene Entscheidungen und Verhaltensweisen einwirken. Da Entscheidungen und Verhalten Einfluss auf ‚Welt’ nehmen, verändern sich mit ihnen Inhalte der wahrgenommenen sozialen Außenwelt ebenso wie kognitive Strukturen der Innenwelt.

McDougall beschreibt sein eigenes Laufen als einen ganzheitlichen Lernprozess, in dem es nicht nur um messbare Fähigkeiten, Fitness und Leistungen geht, sondern auch um Gesundheit und insbesondere um positive subjektive Erfahrungen mentale und sozialer Art bzw. um Fragen von Lebensqulität. Vordergründig betrachtet, entwickelt sich McDougall von einem gewöhnlichen Jogger zu einem begeisterten Ultra-Runner. Der Lernprozess umfasst nicht nur (aber auch) zu entwickelnde Techniken und Fähigkeiten, sondern vor allem Veränderungen kognitiver Strukturen. Nur vordergründig beschreibt McDougall Lauf-Stories. Tatsächlich beschreibt McDougall einen durch Laufen stimulierten Selbsterfahrungsprozess, durch den sein Selbst und seine Wahrnehmung der sozialen Welt grundlegende Veränderungen erfahren und auf Zustände von Welt zurückwirken. Vergleichbar mit Musik, Tanz, Gesang und Schauspiel bildet Laufen für McDougall so etwas wie eine Schnittstelle oder ein Scharnier zwischen der sozialen Außenwelt und der eigenen Innenwelt.

Als Bewegungsart ist das Laufen auch für Dritte sichtbar. Unsichtbar und letztlich nur emotional erfahrbar bleibt jedoch der Wert bzw. die Bedeutung des Laufens. Dieser Teil des Laufens ist nur dem Läufer zugänglich. Aus diesem Grund ist ‚Born to Run’ ein Buch, an dem nur erfahrene Läufer Freude finden dürften.

Die beiden Laufbücher sind offenkundig aus unterschiedlichen Perspektiven verfasst, die nicht nur Stile der Autoren beeinflussen, sondern bestimmte Inhalte, Sachverhalte und Fragestellungen jeweils ein- oder ausblenden. Beide Bücher beziehen ihre Berechtigung aus ihren Stärken. Kleinere Schwächen lassen sich ebenfalls identifizieren, die jedoch die eingangs ausgesprochenen Empfehlungen nicht in Frage stellen.

Welcher Art die Stärken und Schwächen der beiden Bücher aus Sicht des Rezensenten sind, ist Thema der nachfolgenden Kapitel nach einem kurzen Exkurs.

Exkurs über Wahrnehmung von Welt

Beschriebene Perspektiven und ihre Argumentationen dürften bis hier nachvollziehbar sein. Wenn wir jedoch fragen, was Wissenschaft ausmacht und von Nicht-Wissenschaft unterscheidet, oder fragen, ob oder in welcher Art und Weise persönliche Lebenswelten verallgemeinerungsfähig sind und Gegenstand von Wissenschaft sein können, gelangen wir an Grenzen des Verständnisses von Welt. Alltagsdenken versteht Wissenschaft als eine Methodik, die 'richtige' oder 'wahre' Erkenntnisse (Beweise) über strukturelle Zusammenhänge zwischen empirisch beobachtbare und darum vermeintlich objektive Sachverhalte (Fakten) gewinnt. Die für das Alltagsdenken unzweifelhafte Annahme einer realen Welt außerhalb unseres Bewusstsein erweist sich jedoch  gemäß Regeln der Logik als nicht beweisbar. (Der eigene Artikel 'Leben, Materie, Sprachspiele' vertieft diese Thematik.)

Unser Verständnis von Welt gleicht eher einem Blick in einen Spiegel, hinter den wir nicht blicken können. Weltbeschreibung nehmen wir als objektiv an, weil unsere kognitiven Strukturen 'Objektivität' melden, die aber nicht mehr als Konformität mit Kultur und Erfahrung (= Erlerntes) bedeutet. Bewusst wird uns dieser Sachverhalt erst dann, wenn wir uns kulturellen Vergleichen unvoreingenommen stellen. In diesem Licht können Wissenschaften nicht mehr den Anspruch erheben, Welt gültig zu erklären. In Grenzbereichen unserer Mikro- und Makrowelten entzieht sich Weltverständnis jeder Anschaulichkeit und ist nur mit mathematischen Modellen darstellbar. Wissenschaftliche Untersuchungen und Experimente sind in diesen Kontexten keine sinnlich erfahrbaren Forschungen, sondern Versuchsanordnungen zur Überprüfung mathematischer Modellannahmen.



Laufen! Dr. Dr. Lutz Aderhold, Dr. Stefan Weigelt

Beide Autoren blicken auf erfolgreiche Karrieren auf Ultradistanzen zurück. Sie richten ihr 2012 erschienes Buch vor allem an Hobbyläufer, die ihre Fitness nachhaltig verbessern wollen. Wer als Hobbyläufer auf der Suche nach kompetenten Antworten auf seine zahlreichen Fragen keine oberflächlichen Artikel in Lifestyle-Magazinen bevorzugt, findet mit diesem Buch eine profunde Quelle zur Beantwortung grundlegender Fragen sportspezifischen Verhaltens, relevanter Stoffwechselprozesse und gesundheitlicher Faktoren.

Seriosität, Aktualität und Tiefe der Themenbehandlung zeugen von der unstrittigen fachlichen Kompetenz der Autoren. Erfreulicherweise verwenden die Autoren eine Sprache, die auch Laien verstehen, ohne dass darunter Qualität und Präzision der Inhalte leiden. Die 12 Kapitel des fast 400 Seiten umfassenden Buches gliedern sich zu gleichen Teilen in zwei Hauptthemenfelder, die mit „Sport" und „Medizin" überschrieben werden können. Überschneidungen sind natürlich nicht zu vermeiden und stellen keinen Mangel dar, sondern liegen in der Natur der Sache.
  • 5 Kapitel lassen sich in die Kategorie „Sport" einordnen: Ausrüstung, Training, Regeneration, Wettkampf und Sportpsychologie
  • In 7 Kapiteln dominieren medizinische Aspekte: Vom Wohlstandssyndrom zur Fitness‚ Sportmedizinische Voruntersuchung, Physiologie des Ausdauersports Laufen, Läuferverletzungen und -beschwerden, Prävention, Ernährung, Doping
Jede Themengliederung beruht auf willkürlichen Entscheidungen. Die von den Autoren entwickelte Struktur ist nachvollziehbar und erleichtert eine gezielte Lektüre von Einzelaspekten. Ausgesprochen hilfreich ist der umfangreiche Index, der schnelle Recherchen ermöglicht. Ein angefügtes Literaturverzeichnis ermuntert zur Vertiefung von Themen.

‚Laufen!' bietet für unterschiedliche Zielgruppen einen vollständigen Überblick über Trainingsformen und Trainingsprinzipien unter verschiedenen physischen Randbedingungen wie Klima, Wetter, Luftverschmutzung, Ozonbelastung etc. Fragen systematischen Leistungstrainings und methodischen Trainingsaufbaus, die insbesondere Leistungssportler beschäftigen, sind eher am Rande abgehandelt. Da zu diesen Themen bereits zahlreiche Veröffentlichungen bestehen und darüber hinaus Trainingspläne immer auch eine mehr oder weniger große Anpassung an individuelle Bedingungen erfordern, schmerzt diese Lücke nicht. Wer jedoch Trainingspläne sucht, geht nicht leer aus. Der Schattauer-Verlag bietet ergänzend zum Buch zahlreiche Trainingspläne für Anforderungen unterschiedlicher Leistungsklassen auf Strecken von 10 km bis 100 km zum Download an.

Seitdem die Sportartikel- und Freizeitindustrie die Zielgruppe der Läufer entdeckt hat, deren Mitglieder sich nicht nur aufgeschlossen gegenüber neuen Erfahrungen zeigen, sondern die auch zu eher zahlungskräftigen Einkommensgruppen zählen, dringen ‚Hype-Themen' in die Welt von Läufern vor. Aderhold/Weigelt ignorieren diese ‚Hype-Themen' nicht, wenn sie Aspekte von Ausrüstung, Ernährung, Nahrungsmittelergänzung, Leistungsdiagnostik und Leistungssteuerung betrachten. Die Autoren pflegen jedoch einen sympathisch-distanzierten Umgang mit diesen ‚Hypes', deren vermeintliche Innovationen in Ländern der westlichen Kultur mit einem Trend des statistischen Leistungsrückgangs einhergehen!

Ein ‚Highlight' bietet ‚Laufen!' mit dem Kapitel ‚Prävention' (Seiten 307-325), das man sich als Pflichtlektüre für alle Menschen westlicher Kulturräume wünscht, vor allem jedoch als Pflichtlektüre für sportliche Abstinenzler und nicht zuletzt für Mediziner. In leicht verständlicher Form bietet das Kapitel einen umfassenden und äußerst beeindruckenden Überblick über ‚Benefits' von Ausdauersport und zeigt in wünschenswerter Deutlichkeit, dass ‚Fitness' über ‚Sportlichkeit' weit hinausgeht. ‚Fitness' hat einen bedeutenden Anteil an individueller Lebensqualität!

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechsels (Diabetes mellitus bzw. metabolisches Syndrom), verschiedene Tumorerkrankungen, psychische Erkrankungen (Angstzustände, Depression, Demenz, Parkinson, multiple Sklerose) und sogar Gelenkerkrankungen profitieren von Bewegungs- und Sporttherapie, so dass Medikamente reduziert werden können oder sogar verzichtbar werden. Gesunde Menschen profitieren selbstverständlich ebenfalls. Allgemeinbefinden und kognitive Leistungsfähigkeit verbessern sich, das Immunsystem des Körpers wird gestärkt, Erkrankungsrisiken nehmen ab und die Lebenserwartung wächst um mehrere Jahre.

Anmerkung 1 zu ‚Laufen!': Thematische Ein- und Abgrenzung

Das medizinwissenschaftlich geprägte Denken der Autoren ist für die Bearbeitung dieser Themen einerseits von Vorteil, mag aber auch verantwortlich sein für eine Ausgrenzung von Themenfeldern, mit denen sich Mediziner prinzipiell schwer tun. Eine Reihe durchaus relevanter Themen, die jenseits physiologisch-funktionaler Betrachtungen liegen, bleiben ausgeklammert.

Eine kontrollierte Laborsituation, wie sie z.B. für Untersuchungen mit Mäusen hergestellt wird, ist nicht die typische Lebenswelt eines Sportlers. Eine Vielzahl innerer und äußerer Faktoren beeinflussen das Training und die sportliche Leistung:
  • Kognitive Prozesse der Motivation (auch Über- oder Untermotivation, Selbst- und Fremdmotivation)
  • Kognitive Prozesse des Lernens
  • Kognitive Prozesse der Wahrnehmung und Entscheidung
  • Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsstörung
  • Austauschbeziehungen und ihre Wechselwirkungen zwischen dem Sportler und seinem Umfeld (Familie, Freunde, Berufskollegen, Konkurrenten etc.)
  • Soziale Randbedingungen wie kulturelle und subkulturelle Zugehörigkeit, Ethnie, Geschlecht, Bildung, Beruf etc. prägen und/oder beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung von Individuen sowie den Grad ihrer Selbst- und Fremdbestimmung und damit schließlich auch Dispositionen für oder gegen sportliche Betätigung.
Diese Faktoren (die Auflistung beansprucht keine Vollständigkeit) liegen außerhalb des medizinischen Fokus. Zugegebenermaßen sind diese Faktoren schwer zu erheben und zu kontrollieren. Modellhafte Vereinfachungen lassen sich aus pragmatischen Gründen rechtfertigen, solange Modelle als solche bewusst bleiben und nicht den Anspruch erheben, Realität zu beschreiben.

Ein Einwand sei gestattet. Die sozio-kulturelle Umgebung von Menschen übt nachweislich hohen Einfluss auf die Herausbildung individueller Lebensstile aus. Individuelle Lebensstile bilden enge Zusammenhänge zu Einstellungen bezüglich Gesundheitsbewusstsein, Ernährungsverhalten und sportliche Aktivität. Die reine Lehre eines medizin-wissenschaftlichen Menschenbildes und das nackte Wissen über Benefits sportlicher Aktivitäten bewirken für sich nichts!

Anmerkung 2 zu ‚Laufen!': Benefits von Ausdauersport

Die beschriebenen Benefits sind nicht nur mit Laufen, sondern allen Arten von Ausdauersport zu erreichen, wie Radfahren, Schwimmern, Sportgehen, (Nordic) Walking, Wandern, Bergwandern und Bergsteigen, Skilanglauf, Tourenski Gehen, Rudern, Kanu, Kajak etc.

Seine herausragende Bedeutung bezieht Laufen aus seiner Effizienz. Keine andere Ausdauersportart erfordert weniger Voraussetzungen und Ausrüstung, lässt sich vergleichbar universell und kostenlos betreiben und erzielt über Zeit ein derart günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis wie Laufen.

Wichtig ist der Hinweis der Autoren (Lauftraining für Einsteiger, Seite 140ff.), dass nur mit Regelmäßigkeit (3-4 Trainingseinheiten pro Woche) und ausreichender Intensität (die sich mit zusätzlich verbrauchter Energie bemessen lässt) positive Effekte erzielt werden.

Quantitative und qualitative Aussagen bezüglich Intensität und Zeitaufwand von Sporteinheiten und den erreichbaren Größenordnungen positiver Effekten beschreibt ein Artikel des Bayerischen Ärzteblatts aus 6/2007. (Download des Artikels „Bewegung und Sport statt Medikamente? Über die Heilkraft von Bewegung und Fitness".) Ein eigener Artikel mit dem Titel „Was bedeutet Training?", vertieft die Thematik.

Anmerkung 3 zu ‚Laufen!': Prävention

„Prävention (...) sollte ganz oben auf der Liste unserer Gesundheitsziele stehen", formulieren die Autoren auf Seite 308. Dem Statement ist zu 100 % beizupflichten, aber der Konjunktiv macht deutlich, dass die Realität anders ausschaut, was der Autor (Aderholt) auch einräumt.

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes betrugen im Jahr 2011 die Kosten des Gesundheitssystems 293,8 Milliarden €, d.h. ca. 11,3 % des Bruttoinlandproduktes. Der Vergleich mit dem Bundeshaushalt des gleichen Jahres in Höhe von 305,8 Milliarden € (laut Haushaltsplan) macht die Dimension deutlich. ‚Transparency International' schätzt den Anteil des jährlichen Schadens, den Intransparenz im deutschen Gesundheitssystem in Form von Betrug, Verschwendung und Korruption möglich macht, auf 6 % des Gesamtbudgets. Der Kostenanteil für Prävention betrug 2011 lediglich 3,8 % (11,08 Milliarden €) der Gesamtkosten des Gesundheitssystems. 1995 lag der Kostenanteil für Prävention noch bei 4 %.

Unwiderlegbare Erkenntnisse zum Präventionspotential von Sport werden in viel zu geringem Umfang genutzt und schlagen sich zumindest in der Kostenverteilung nicht nieder. Überraschen kann dieser Sachverhalt nicht, solange unser Gesundheitssystem Industrie und Medizinern ein besseres Geschäft mit Krankheiten als mit Gesundheit ermöglicht.

Anmerkung 4 zu ‚Laufen!’: Der Laufboom in Deutschland

In ihrem Vorwort „Faszination Laufsport“ sprechen die Autoren von einem „bis heute ungebrochenen Laufboom“, stellen aber auch fest: „Seit Jahren sind die Leistungen im Langstreckenlauf an der Spitze wie auch in der Breite rückläufig“ (Seite VI).  

Der Beginn des Laufbooms in Deutschland lässt sich zeitlich und räumlich verorten. Am 10.10.1963 findet auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik in Bobingen bei Augsburg der erste Volkslauf mit 1.654 Teilnehmern statt. Für 1995 verzeichnet die Volkslaufstatistik des DLV in Deutschland 2.449 Volksläufe mit insgesamt 790.333 Teilnehmern. Mehr als 25 Jahre vergehen, bis Volksläufe 1 Mio. Teilnehmer pro Jahr erreichen. Innerhalb weiterer 9 Jahre verdoppelt sich die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 2 Mio. und stagniert seit 2008 im Bereich von 2,0 - 2,1 Mio. Teilnehmern.

Während die Anzahl der Veranstaltungen seit 1995 über 16 Jahre um 51,5 % zunimmt, wächst die Gesamtzahl aller Teilnehmer in diesem Zeitraum um 153,2 %, obwohl die Einwohnerzahl Deutschlands leicht rückläufig ist! Inzwischen werden in Deutschland pro Jahr mehr als 200 Marathonläufe veranstaltet. Die Teilnehmerzahl erreichte 2005 mit 150.000 Läufern ihren Höhepunkt und ist seitdem rückläufig. 2012 nahmen ca. 115.000 Läufer an Marathonveranstaltungen teil, von denen allein 34.377 den Berlin-Marathon erfolgreich beendeten. Der Frauenanteil beträgt durchschnittlich ca. 20 %.

Aus dem Laufboom lässt sich jedoch nicht schließen, dass Deutschland ein Land von Läufern bzw. Sportlern sei. An Volksläufen nehmen maximal 1,3 % der Bevölkerung ab 14 Jahren teil. Da anzunehmen ist, dass etliche Läufer an mehr als einem Volkslauf pro Jahr teilnehmen, dürfte der tatsächliche Anteil der Bevölkerung, der an Volksläufen teilnimmt, deutlich unter 1 % liegen. Andererseits nimmt nicht jeder Jogger an Volksläufen teil. Gemäß einer Umfrage der Jahre 2007/8 geben 60,1 % der Bevölkerung ab einem Alter von 14 Jahren an, nie zu joggen, während 9,1 % der Bevölkerung gemäß Selbstauskunft regelmäßig joggen.

Abgesehen von Unsicherheiten der Selbstauskünfte sind diese Zahlen kein Indikator für Entwicklungstrends in Richtung zunehmender körperliche Fitness. Ein Artikel des Deutschen Ärzteblattes berichtet über Ergebnisse der „Fit-fürs-Leben-Studie“ der Deutschen Sporthochschule Köln und stellt fest:
„Eine Metaanalyse mit Daten von über 161 000 Heranwachsenden aus dem Zeitraum von 1961–2000 spricht für eine seit den 1970er-Jahren sinkende körperliche Leistungsfähigkeit.“
(...)
„Angesichts weiterhin abnehmender körperlich-sportlicher Aktivitäten (...) ist sogar eine Zuspitzung der beschriebenen Negativ-Entwicklungen wahrscheinlich. (...) Ohne flächendeckende und effiziente Interventionen in Schulen und Betrieben, ist die weitere Fixierung und Verbreitung ungesunder Lebensweisen kaum zu verhindern. Das junge Erwachsenenalter ist ein „präventives Fenster“ für körperliche Aktivitäten, das vor der Manifestation von chronischen Erkrankungen genutzt werden sollte.“
Handlungsbedarf ist offenkundig. Sportmedizin und Sportpädagogik sind gefordert, aber sie versagen seit vielen Jahren jämmerlich. Sport erfährt in der deutschen Schulpädagogik keine Wertschätzung (abgesehen von individuellem Engagement). Systematische Sportförderung findet großflächig nur in militärischen Organisationen statt. Die Förderung beruht dort jedoch auf Motiven anderer Art.

Anmerkung 5 zu ‚Laufen!': Ernährung und Diäten

Der undogmatische Umgang der Autoren mit Ernährungsthemen hebt sich wohltuend von den vielen Besserwisser-Empfehlungen ab. Angebracht sind jedoch aufgrund von zwei neuen Veröffentlichungen ergänzende Hinweis bzgl. ‚Low-Carb-Diät' (auch als ‚Ätkins-Diät' bekannt), LDL-Stoffwechsel und Arteriosklerose.

Weltweites Aufsehen erregten die Ergebnisse einer am 7. April 2013 in 'Nature Medicine' veröffentlichten Untersuchung mit dem sperrigen Titel "Intestinal microbiota metabolism of l-carnitine, a nutrient in red meat, promotes atherosclerosis". Die Untersuchung liefert Indizien für die Annahme, dass Anforderungen der Verstoffwechselung von L-Carnitin in rotem Fleisch eine Darmflora begünstigen, durch die L-Carnitin in TMA (Trimethylamin) umgewandelt wird. TMA wird in der Leber in TMAO (Trimethylamin-Oxid) metabolisiert. Erst bei regelmäßigem Konsum von rotem Fleisch stellt sich eine erhöhte TMAO-Konzentration im Blut ein, die gemäß der zitierten Studie als Auslöser für Arteriosklerose in Verdacht gerät. L-Carnitin-Präparate, die gerne als 'Fatburner' im Rahmen von Diäten oder von Ausdauersportlern zur Leistungssteigerung verwendet werden, geraten durch diese Studie ebenso unter Verdacht gesundheitsschädlicher Wirkung wie aktuell wieder angesagte Varianten von 'Low-Carb-Diät'.

Die renommierte britische medizinische Fachzeitschrift 'The Lancet' veröffentlicht am 10.03.2013 unter der Überschrift "Atherosclerosis across 4000 years of human history" Forschungsergebnisse einer Studie, die Wissenschaftler der 'University of Missouri-Kansas City' an insgesamt 137 bis zu 4.000 Jahre alte Mumien aus vier unterschiedlichen Kulturen und Regionen durchgeführt haben. Unabhängig von Kulturen, Zeiten, Ernährung und Klima konnten bei mehr als einem Drittel aller Mumien deutliche Kalkablagerungen in mindestens einer großen Arterie nachgewiesen werden. Verkalkungen zeigten sich sowohl bei Mumien von Aleuten-Jägern und von Pueblo-Indianern wie bei peruanischen und ägyptischen Mumien

Das Design der ‚Mumien-Studie' erfüllt keine strengen Anforderungen an wissenschaftliche Untersuchungen, weshalb die Beweiskraft der 'L-Carnetin-Studie' höher zu bewerten ist. Der auffällige Widerspruch zwischen der 'Mumien-Studie', gemäß der Arteriosklerose unabhängig vom Ernährungsverhalten auftritt, und der 'L-Carnetin-Studie', die Konsum von rotem Fleisch als Auslöser von Arteriosklerose erklärt, bleibt trotzdem erklärungsbedürftig.

Viele Seefische weisen eine hohe intrazelluläre TMAO-Konzentration auf. Dieser Sachverhalt stärkt die ‚Mumien-Studie' und macht deutlich, dass entgegen Verlautbarungen auf medizinischer Seite die Bedingungen für die Entstehung von Arteriosklerose bislang unverstanden sind.

Die Bestätigung von Hinweisen bzgl. des Einflusses von L-Carnitin auf Arteriosklerose hätte Konsequenzen für Annahmen hinsichtlich des Einflusses von Cholesterin. Die Rolle von LDL, ein gemäß medizinischem Standardmodell Hauptverdächtiger von Arteriosklerose, müsste erneut auf den Prüfstand gestellt werden, wenn sich verdichten sollte, dass Arteriosklerose nicht aus hohen LDL-Werten resultiert, sondern ein Effekt des regelmäßigen Konsums von rotem Fleisch ist. Die Pharmaindustrie wird sich jedoch nicht kampflos ergeben. Lipidsenker zählen nämlich zu ‚Blockbustern', die höchste Umsätze im Pharmamarkt erzielen. 

Anmerkung 6 zu ‚Laufen!': Gewicht vs. Fitness

Der Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Leistung ist unmittelbar einsichtig. Je höher das Körpergewicht ist, desto mehr Energie muss aufgewendet werden, um definierte Leistungswerte zu erbringen. Da effizient nutzbare Energiereserven aufgrund biologischer Bedingungen nur begrenzt zur Verfügung stehen, resultieren aus günstigen Kraft-Last-Verhältnissen Vorteile auf langen Distanzen. Nur relativ kleine und vor allem leichte Läufer dringen daher bis zur Leistungsspitze im Langstreckenlauf vor.

Die Frage, ob ein niedriges Körpergewicht auch ein gesundes Körpergewicht ist, beantwortet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihrer Klassifizierung des ‚BMI'. Als ‚Normalgewicht' im Sinne von ‚gesund' gilt ein ‚BMI' von 20-25. Ab einem ‚BMI' von 25 setzt laut ‚WHO' ungesundes ‚Übergewicht' ein. Ein ‚BMI' größer 30 gilt als ‚adipös' (fettleibig) bzw. als extrem ungesund. (Eine detaillierte Betrachtung des BMI und von Fragen des Körpergewichts enthält ein eigener Artikel: „Welches Körpergewicht ist gesund?")

Neue Erkenntnisse liefert eine Veröffentlichung der renommierten medizinischen Fachzeitschrift 'PLOS Medicine' aus November 2012: "Leisure Time Physical Activity of Moderate to Vigorous Intensity and Mortality: A Large Pooled Cohort Analysis" Eine in USA durchgeführte Sekundäranalyse über 6 große Primärstudien mit insgesamt mehr als 650.000 Teilnehmern zeigt über einen mittleren Beobachtungszeitraum von 10 Jahren für Menschen mit einem Alter ab 40 Jahre aufwärts den statistischen Gewinn an Lebensjahren durch körperliche Freizeitaktivität (Sport) bzw. umgekehrt den statistischen Verlust an Lebensjahren durch Bewegungsmangel. Um körperliche Freizeitaktivitäten vergleichbar zu machen, verwendet die Studie die Maßeinheit 'MET' (metabolic equivalent of task), die den erhöhten Stoffwechsel pro kg Körpergewicht im Vergleich zum Ruhezustand im Zeitintervall 'Woche' angibt. (Für eine exaktere Definition der Einheit 'MET' sei auf einen Wikipedia-Artikel verwiesen.)

Gemäß der in 'PLOS Medicine' veröffentlichten Studie haben normalgewichtige Menschen (BMI 20-25) gegenüber übergewichtigen Menschen (BMI 25-30) bei niedrigem Aktivitätsniveau eine um 0,6 Jahre niedrigere Lebenserwartung, die ohne relevantes Aktivitätsniveau sogar auf 0,8 Jahre Verlust an Lebenserwartung ansteigt. Selbst gegenüber leicht adipösen Menschen ist bei Bewegungsarmut der Vorteil des Normalgewichts gering. Sogar aktive Dicke (BMI 30-35) haben eine höhere Lebenserwartung als bewegungsarme normalgewichtige Menschen! Körperliche Aktivität vermag demnach die Nachteile des Übergewichts teilweise zu kompensieren. Erst schwere Adipositas ab einem BMI von 35 aufwärts ist mit einer deutlichen Abnahme der Lebenserwartung selbst bei hohem Aktivitätsniveau verbunden und kann daher eindeutig als ungesund gelten.

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass Menschen unterhalb der Grenze schwerer Adipositas von intensiver körperlicher Aktivität stärker profitieren als von einem geringen Körpergewicht. Die Ergebnisse lassen die Schlüsse zu, dass (a) Bewegungsmangel mit abnehmender Lebenserwartung zu zahlen ist und (b) das Aktivitätsniveau auf die Lebenserwartung einen höheren Einfluss ausübt als das Körpergewicht, solange keine schwere Adipositas vorliegt. Griffig formuliert bedeutet dieser Sachverhalt: Fitness ist hinsichtlich der Lebenserwartung von höherer Bedeutung als das Körpergewicht.

Anmerkung 7 zu ‚Laufen!': Entwicklungsprozesse medizinwissenschaftlicher Erkenntnis

Ein „besonderer Hinweis" des Klappentextes verdient Aufmerksamkeit:
„Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können."
Der Hinweis ist selbstverständlich berechtigt und gilt prinzipiell für alle gedruckten Medien, deren Inhalt zum Zeitpunkt ihres Erscheinens zwangsläufig historisch ist und u.U. neueren Erkenntnissen nicht mehr standhält. Der Hinweis erlaubt aber auch eine zweite Lesart, nämlich als Umschreibung des Sachverhaltes einer besonders dünnen Decke wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse in der Medizinwissenschaft.

Die Decodierung menschlichen Genmaterials mag ein großer Fortschritt sein, aber die Komplexität physiologischer Prozesse ist damit noch lange nicht entschlüsselt. Komplexität ist kein Vorwurf an Mediziner, sondern eine Eigenschaft ihrer Themenfelder. Wenn jedoch Hinweise den Verdacht begründen, dass Unwissenheit mit Schweigen umhüllt wird, um Scheinwissen als Wissen ausgeben zu können, liegt der Schluss nahe, dass ökonomisch motivierte Geschäftsmodelle bewusst mit einer für Laien unverständlichen Fachsprache unter einem Deckmantel der Intransparenz verborgen werden. Kritische Wachsamkeit ist niemals ein Fehler und bezüglich der Medizinwissenschaft immer geboten.

Hinsichtlich komplexer Funktionsstörungen ist die Medizin nach wie vor relativ unwissend. Die großen ‚Killer' westlicher Kulturräume, wie Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck, Arteriosklerose, sind bisher ebenso weitgehend unerklärt wie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Metabolismus im Allgemeinen und Lipidstoffwechsel im Besonderen. Medizinische Therapien behandeln Symptome auf der Basis von Vermutungen über stark vereinfacht gedacht Zusammenhänge gemäß der Methode ‚Versuch und Irrtum'. Daher erklärt sich einerseits die Konkurrenz unterschiedlicher Erklärungs- und Behandlungsmodelle und andererseits ihre schnelle Verfallzeit, die ‚Goldstandards' keineswegs ausnimmt. Haben medizinische Modelle versagt, werden sie durch neue Irrtümer ersetzt, bis auch diese verschlissen sind. Das von medizinischen Behandlungsirrtümern verursachte Leid ist vermeintlich lediglich individuelles Pech der Betroffenen. Schuldhaftes Versagen auf Seiten von Medizinern nachzuweisen, ist nahezu unmöglich, da Behandlungen nach dem Stand der Erkenntnis stattfinden und Erkenntnisse einem „fortwährenden Entwicklungsprozess" unterliegen (s.o.). Diese Taktik immunisiert Mediziner und die Qualität ihrer vermeintlichen 'Erkenntnisse'.

Der hohe Anteil promovierter Mediziner kann als Folgeerscheinung fehlender Reife der Medizinwissenschaften verstanden werden. Akademische Titel werden benutzt, um den eigenen Sozialstatus zu verbessern und zweifelhafte wissenschaftliche Kompetenz zu verbergen. Die Thematik ist nach Plagiatsaffären deutscher Politiker hinreichend bekannt. Dass Hürden auf dem Weg zu akademischen Titeln für Mediziner eher flach ausfallen, rundet das Bild ab. Eine Promotion in medizinischen Disziplinen ist bekanntlich eine vergleichsweise wenig anstrengende Übung. Andererseits legen gerade Mediziner besonders hohen Wert auf akademische Titel. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wie in jedem Berufszweig sind selbstverständlich auch unter Medizinern exzellente, durchschnittliche und schwache Vertreter zu finden. Damit müssen wir leben, auch wenn es um nicht weniger als um Leben und Tod geht und wir auch für schlechte oder fehlerhafte Behandlungen hohe Rechnungen begleichen müssen. Nicht akzeptabel ist jedoch die bewusst erzeugte Intransparenz hinsichtlich (a) Indikation, Methodik und Effizienz von Behandlungen und Operationen, (b) der Qualität von Produkten wie z.B. Prothesen, Implantate und Stents sowie (c) hygienischer Standards von Kliniken und Arztpraxen. Allein durch MRSA (multiresistente Keime) werden 225.000 Wundinfektionen nach Operationen verzeichnet und bis zu 15.000 Todesfälle pro Jahr vermutet ('Der Spiegel', in einer Meldung vom 17.05.2013). Belastbare Zahlen über empörende Zustände dieser Art gibt es nicht. Systematische Qualitätssicherung findet nämlich bislang nur bei der Zulassung von Medikamenten statt. Medizinische Standesorganisationen leben offensichtlich gerne mit dieser Intransparenz. Initiativen zu Veränderungen zeigen nur Einzelkämpfer, weshalb Druck von außen erzeugt werden muss.

Anmerkung 8 zu ‚Laufen!': Kommunikation zwischen Sportlern

In der Kommunikation zwischen Sportlern ist ein vertrauliches „Du" die übliche Anrede. Auf Sportler wirkt befremdlich, wenn die Autoren des Buchs ‚Laufen!' die Titelsucht der Medizinerzunft teilen. Wir lernen ständig, gerne auch aus Erfahrungen anderer Menschen/Sportler, lassen uns aber nicht gerne belehren und bevorzugen eine Kommunikation auf Augenhöhe, die nicht von Titeln verstellt ist.


Born to Run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt, Christopher McDougall

Der amerikanische Journalist McDougall ist ein häufig verletzter Hobbyläufer. Insbesondere seine Füße und Knie plagen Dauerschmerzen. Hightech-Laufschuhe bieten so wenig Abhilfe wie sportmedizinische Behandlungen. Mit einer Körpergröße von 1,92 m und einem Gewicht von 105 kg muss sich McDougall immer wieder von Medizinern sagen lassen, dass Laufen ein Missbrauch des menschlichen Körpers sei und sein Körper es ihm besonders übel nehme, wenn er ihn laufend strapaziere. Aus medizinischer Sicht könne ihm daher nur geraten werden, die Sportart zu wechseln.

Auf fast 400 Seiten verknüpft McDougall sein persönliches Laufproblem mit allgemeinen Laufproblemen und umrahmt die Themen mit unterhaltsamen Stories, die jeder Soap zur Ehre gereichen. Grenzen zwischen Sachbuch, Roman, Autobiographie, dokumentierter Selbsterfahrung und Lifestyle-Ratgeber bleiben unscharf, was letztlich erklären dürfte, weshalb ‚Born to Run’ viele Zielgruppen anspricht und in den USA zu einem Bestseller werden konnte, der mehr als vier Monate in der Bestseller-Liste der ‚New York Times’ platziert ist.

Dem Autor sei der Erfolg eines Bestsellers gegönnt, aber wenn ein Buch in Bestseller-Listen erscheint, ist das eher kein Indiz für hohe literarische Qualität. Bestseller erfordern ein gutes Gespür für angesagte Themen (modische Trends), eine in die Breite zielende unterhaltsame Umsetzung dieser Themen und schließlich ein professionelles Marketing der Produkte. Dass ein Bestseller vom ‚Ultra-Running’ handelt, also Ausdauerlauf jenseits von Marathondistanzen, der abseits vom Mainstream in einem öffentlich kaum beachteten Parallel-Universum stattfindet, ist ebenso bemerkenswert wie irritierend und weckt Neugier.

Die Bedenken lösen sich bei der Lektüre auf. Per Saldo erweist sich ‚Born to Run’ als inspirierender Gewinn für laufende und für nicht laufende Leser. Läufer treffen auf Erlebnisse und auf Antworten zu Fragen, die langjährige Hobbyläufer oft vergeblich beschäftigen. Nicht-Läufer finden endlich Antworten auf Fragen ihres Unverständnisses hinsichtlich der Motivation von Läufern. McDougall setzt sich mit hartnäckigen Vorurteilen einer Mehrheit gegenüber dem von einer Minderheit betriebenen Laufsport auseinander. Eine breite öffentliche Diskussion von Problemfeldern dient der Versachlichung von Konflikten, weshalb ‚Born to Run’ viele Leser zu wünschen sind.

Überblick des Buchinhaltes

McDougall hätte möglicherweise nie die Parallelwelt des Ultralangstreckenlaufs entdeckt, wenn die medizinische Zunft seine Fußprobleme erfolgreich behandelt hätte. In seiner Unerfahrenheit musste er jedoch erst lernen, dass ihm die Schulmedizin kaum helfen kann, weil sie als akademische Disziplin nur wenig über das Laufen weiß und nur geringe Anstrengungen zur Veränderung dieses Sachverhalts unternimmt.

Trotz eindeutiger Empfehlungen von medizinischer Seite ist McDougall das Laufen viel zu wichtig, um es aufzugeben. Wie so viele Hobbyläufer sucht er nach Antworten auf die Frage: Warum schmerzt der Fuß und/oder das Knie? Mediziner können keine Hilfe bieten. Im Unterschied zu den meisten Hobbyläufern geht der Autor dieser Frage hartnäckig nach. Er stellt seine Ernährung um, reduziert sein Körpergewicht, beginnt systematisches Lauftraining mit Hilfe eines Personal Trainers. McDougall entwickelt sich zu einem Ultraläufer ohne Fußbeschwerden und gelangt zu einigen interessanten Erkenntnissen.
  • Die meisten Orthopäden sind relativ unwissend, wenn sie nicht auch selbst Läufer sind, und können Läufern keine Hilfe anbieten.
  • Die Sportartikelindustrie verdient prächtig an Laufschuhen, die jedoch häufig Verletzungen provozieren, weil sie die individuelle Statik und natürliche Bewegungsabläufe behindern.
  • Die zumindest in den USA weit verbreitete Art der Ernährung mit Fast Food und Fertiggerichten begünstigt Übergewicht und zahlreiche Erkrankungen.
  • Laufen ist zwar eine natürliche Bewegungsform, aber wir haben verlernt, uns richtig zu bewegen und müssen darum auch das Laufen erlernen.
  • Laufen macht glücklich!
Seine ‚Erleuchtung’ erfährt McDougall mit dem Eintritt in die Parallelwelt des Ultralanglaufs, in der er auf zwei Außenseiterkulturen trifft. McDougall reist nach Mexiko, um über den indigenen Stamm der ‚Tarahumara’ und ihre legendäre Leistungsfähigkeit im Ausdauerlauf zu recherchieren. Nach traumatischen Erfahrungen in Kontakten mit westlicher Kultur leben die ‚Tarahumara’ zurückgezogen im schwer zugänglichen ‚Copper Canyon’ der Sierra Madre, ein Schluchtensystem im Südwesten Mexikos. Kontakte vermittelt ‚Caballo Blanco’ ein Aussteiger aus westlicher Kultur, der als Ultraläufer und Einsiedler das Vertrauen dieser scheuen Indianer gewinnen konnte.

McDougall beginnt zu ahnen, dass die außergewöhnliche Ausdauerfähigkeit der ‚Tarahumara’ eine ursprünglich essentielle Fähigkeit von ‚Homo sapiens’ (Mensch) ist, die erst das Überleben unter Naturbedingungen ermöglichte. Mit Hilfe von Biologen, Anthropologen und Ethnologen gewinnt McDougall die Gewissheit, dass die menschliche Art im evolutionären Prozess nicht nur den aufrechten Gang erlernt hat, sondern dass sich der menschliche Körper in Richtung einer biologischen Laufmaschine angepasst hat. Demzufolge erscheint Langstreckenlauf als eine natürliche menschliche Bewegungsart und der aufrechte Gang als ‚Langstreckenlauf im Sparmodus’. So betrachtet ist ein Mensch „Born to Run“. Emil Zátopek, die legendäre 'tschechische Lokomotive', hat für diesen Sachverhalt eine griffige Formel geprägt:
"Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft."

In Anbetracht dieser Erkenntnisse stellen sich neue Fragen: Warum konnte Menschen eine im langen evolutionären Entwicklungszeitraum erworbene Fähigkeit zum Langstreckenlauf in nur wenigen Generationen nahezu verloren gehen? Der Autor identifiziert zwei gegenläufige und sich überlagernde evolutionäre Prozesse mit ungünstigen Auswirkungen für Menschen.
  1. Im relativ langsam verlaufenden Entwicklungsprozess der biologischen Evolution hat die menschliche Art über lange Zeiträume außergewöhnliche Fähigkeiten zum Langstreckenlauf herausgebildet, weil diese Fähigkeit nicht nur das Überleben der menschlichen Art sichert, sondern zugleich einen Vorteil gegenüber konkurrierenden Arten darstellt.
  2. Die kenschliche Spezies entwickelt im evolutionären Prozess höhere Intelligenz und erwirbt die Fähigkeiten zur Anpassung an unterschiedliche und sich schnell ändernde Lebensbedingungen mittels Kultur. Dank der Verbindung von außergewöhnlicher Lernfähigkeit mit Methoden der Konservierung und Tradierung von Erfahrungen etablieren Menschen in entwicklungsgeschichtlich kurzer Zeit einen vom Prozess biologischer Evolution weitgehend unabhängigen Prozess kultureller Evolution, der eine Modellierung menschlicher Lebensbedingungen in kurzen Entwicklungszyklen möglich macht.
Die unterschiedlichen Dynamiken biologischer Evolutionsprozesse und kultureller Entwicklungsprozesse erzeugen sowohl konstruktive (verstärkende) als auch destruktive (zerstörende) Interferenzen (Überlagerungen). McDougall möchte auf einige destruktive Interferenzen aufmerksam machen. Kulturelle Entwicklungen machen unsere biologisch erworbenen Dispositionen und Fähigkeiten des Laufens weitgehend überflüssig, aber sie lassen sich nicht ausschalten. Sie liegen einfach brach und werden zu Störungen, weil wir nicht länger Gebrauch von ihnen machen. Der Aufbau körpereigener Fettdepots ist ein leicht nachvollziehbares Beispiel. Unter höchst unsicheren Ernährungsbedingungen sichern Reserven von Fettdepots das Überleben in kargen Zeiten. In unseren Kulturen besteht aber eher ein Überfluss an energiereichen Nahrungsmitteln, weshalb sich 'Adipositas' ausbreitet und in Verbindung mit Bewegungsmangel und Ernährungsfehlern gesundheitliche Beeinträchtigungen unvermeidbar werden.

Die Bearbeitung von Gesundheitsproblemen setzt innerhalb unserer kulturell etablierten Gesundheitssysteme nicht bei den Ursachen an, sondern behandelt Symptome. (Hinzufügen lässt sich ergänzend: Mitunter (und seltener als erwünscht) gelingt es, Leidensdruck mittels medizinischer Dienstleistungen und Medikamente zu verringern. Unabhängig vom Erfolg läuft dagegen die Umverteilung von Geldvermögen dank der Maschinerie unserer Gesundheitssysteme wie geschmiert.)

Auf Basis seiner neuen Erkenntnisse deutet McDougall den Ultralangstreckenlauf als ein archaisches Relikt originär menschlicher Fähigkeiten, die nahezu ausgestorben sind, weil kulturelle Entwicklungen diese Fähigkeit für das Überleben von Menschen überflüssig machen. Erhalten ist diese Fähigkeit nur noch in Nischen, wie sie bei den ‚Tarahumara’ oder in der kleinen Gemeinde von Ultralangstreckenläufern zu finden sind.

McDougall träumt einen Traum. Er möchte diese beiden Nischen-Populationen zu einem Ultra-Race zusammenbringen. Die Realisierung dieses Traums gelingt dank ‚Caballo Blanco’. Das ‚Showdown’ des Buchs beschreibt einen epischen Ultralauf im ‚Copper Canyon’, der im März 2003 ausgetragen wird und zu dem sich die Elite des US-amerikanischen Ultra-Runnings einfindet. Ein fairer Wettkampf auf Augenhöhe zwischen den Besten beider Welten geht nahtlos in ein rauschendes Fest über, das neue Freundschaft stiftet und konträre Kulturen versöhnt. Erneut bestätigt sich Jeff Galloways Statement (Richtig laufen mit Galloway, 2. Aufl. Aachen 1989, Seite 18):

"Der Langläufer ist ein glücklicher Mensch."

Micah True, ‚Caballo Blanco’ genannt, ist kein Gott und daher sterblich. Im Jahr 2012 ist ‚Caballo Blanco’ verstorben, aber das Ultra-Race im ‚Copper Canyon’ hat sich als feste Einrichtung etabliert und erinnert als ‚Ultra Caballo Blanco’ an seinen Stifter.


Anmerkung 1 zu 'Born to Run': Quellen der Inspiration

Der Buchtitel „Born to Run“ ist von Bruce Springsteen entliehen, der sein 1975 veröffentlichtes 3. Rockalbum so benannt hat.

Die Art und Weise, in der die Story des Buches angelegt ist, zeigt deutliche Parallelen zu einem 1982 veröffentlichten Roman mit dem Titel „Flanagan’s Run“ des schottischen Autors Tom McNab (in deutscher Übersetzung zunächst mit dem Titel „Das Rennen“ erschienen und einige Jahre später nach Neuübersetzung als „Trans-Amerika“ veröffentlicht). Der fiktionale Roman beschreibt einen während der großen Depression der USA 1931 veranstalteten Trans-Amerika-Lauf über fast 3.500 Meilen von Los Angeles über die Route 66 nach Chicago und weiter nach New York. Im Roman nehmen 2.000 Läufer teil und rennen für ein Preisgeld von 150.000 $ um ihr Leben. Inspiriert ist diese Story von dem 1928 kurz vor Ausbruch der Depression ausgetragenen ersten transkontinentalen Coast-to-Coast-Lauf in den USA, der als „The Great Bunion Derby“ mit 199 Teilnehmern und einem Preisgeld von 25.000 $ in die Geschichte eingegangen ist. Gewonnen hat dieses Rennen Andy Payne, ein zwanzigjähriger Chirokee-Indianer aus Oklahoma.

2007 (zwei Jahre vor 'Burn to Run') greift Geoff Williams diese Geschichte erneut auf und veröffentlicht sie unter dem Titel „C.C. Pyle's Amazing Foot Race: The True Story of the 1928 Coast-to-Coast Run Across America“. Der deutsche Laufpionier Werner Sonntag informiert profund über diese Romane zur Geschichte des Transamerikalaufs in einem Artikel des 'Laufreports'.

Gemeinsamkeiten sind schließlich auch zu Carlos Castanedas Büchern erkennbar, die in den 70er und 80er Jahren vor allem in der ‚New Age Kultur’ populär waren. Castaneda, der sich als Anthropologe sieht, aber in der Fachwelt als Schriftsteller gilt, will mit seinen angeblichen ‚Studien’ bei indianischen Stämmen Mexikos alternative Weltsichten aufzeigen. Castaneda behauptet von sich, Schüler des indianischen Schamanen ‚Don Juan’ zu sein und beschreibt, wie als Hilfsmittel von Schamanenreisen halluzinogene pflanzliche Drogen genutzt werden, z. B. ‚Peyote’, ein 'Meskalin' enthaltendes Kakteengewächs, das die ‚Tarahumara’ als ‚heilige Pflanze’ verehren und im Rahmen kultischer Zeremonien nutzen. McDougalls Begegnung mit ‚Caballo Blanco’und die sich vollziehende ‚Initiation’ des Autors durch seinen schamanenhaften Lehrer lassen sich als Analogie lesen.

Anmerkung 2 zu 'Born to Run': Sportverletzungen

Es mag den Fußproblemen des Autors geschuldet sein, wenn er seinen Blick auf Fuß- und Knieverletzungen fokussiert und in diesem Kontext zu einem Feldzug gegen Laufschuhhersteller aufruft. Bis zum Jahr 1972 war die Läuferwelt vermeintlich in Ordnung. Dann erfand Nike den modernen Laufschuh und übte vermeintlich in der Folge nicht nur Verbrechen gegen die Läuferwelt aus, weil Laufverletzungen sprunghaft anstiegen, sondern gleich gegen die gesamte Menschheit, weil viele Menschen verletzungsbedingt das Laufen einstellten und damit die Sterblichkeit aufgrund von Bewegungsmangel anstieg. „Auf Nike lastet eine enorme Schuld“, heißt es auf Seite 234, wobei ‚Nike’ stellvertretend für die gesamte Sportschuhindustrie steht.

Die Schlussfolgerungen lassen sich nicht völlig von der Hand weisen, zeigen aber nicht die ganze Wahrheit und sind nicht seriös argumentiert. Laufverletzungen gab es natürlich auch vor 1972, aber Langstreckenlauf betrieben nur wenige Menschen und mit den Schuhen, die ihnen zur Verfügung standen. Als Trendsport setzte das Laufen erst in den 70er Jahren in den USA ein und begann in den 80er Jahren auch in Europa zu boomen. Die Sportschuhindustrie hatte daran einen Anteil im positiven Sinne, weil sie Schuhmaterial für Läufer entwickelte, und im negativen Sinne, weil sie zuviel des Guten tat. Der ‚Sündenfall’ begann mit Dämpfungssystemen und angeblich orthopädischen Stützen gegen Pronation, Supination, Torsion etc.

Aufgrund der Laufschuhdämpfung wurde erst der Fersenlauf möglich, der körpereigene Dämpfungssysteme überlistet, die Füße schwächt, das Gefühl für den Untergrund reduziert und einen längeren Schritt mit höheren Aufprallkräften provoziert. Stützen tragen zusätzlich dazu bei, Einfluss auf die natürliche Dynamik der Laufbewegung zu nehmen und die individuelle Statik zu verändern. Die Folge sind Fehlbelastungen und Überlastungen, die sich als ‚Verletzungen’ auswirken.

Ohne den Anteil spezifizieren zu können, darf angenommen werden, dass mit der vorausgegangen Beschreibung nur ein kleinerer Teil aller Verletzungen erklärt ist. Der größere Anteil dürfte aus der Vernachlässigung von Vorschäden oder Traumata, vor allem aber aus Übermotivation resultieren, die dazu verleitet, (a) Laufumfänge so schnell zu steigern, dass physiologische Anpassungen nicht folgen können, (b) den Umfang von Tempoläufen zu überziehen, (c) Regeneration zu vernachlässigen, (d) einseitige Belastungen zu bevorzugen, (e) individuelle Belastungsgrenzen zu ignorieren. Für diese Fehler sind wir selbst verantwortlich und können sie nicht der Laufschuhindustrie anlasten.

Nach enttäuschenden Erfahrungen der letzten Jahrzehnte kehrt sich der Schuhtrend um. Inzwischen heißt es nicht mehr, möglichst viel Schuh zu tragen, um den Fuß vom Untergrund zu entkoppeln, sondern die Füße zu stärken und nur so viel Schuh wie nötig zu nutzen, um Bodenkontakt herzustellen und natürliches Laufen zu unterstützen. Normalschuh, Minimalschuh, Laufsandalen, ‚Five Fingers’, ‚Natural Running’ und Barfußlauf sind keine Innovationen. Vielmehr findet nach negativen Erfahrungen mit Industrieprodukten eine Rückbesinnung auf unsere biologische Ausstattung statt. Natürlich rüstet sich auch die Laufschuhindustrie für diesen Trend. Sie verbreitert ihre Angebotspalette um Trendprodukte und passt ihre Marketingkonzepte an, weshalb wir kritische Wachsamkeit nicht vernachlässigen sollten.

Anmerkung 3 zu 'Born to Run': Sind Tarahumara ein "vergessenes Volk"?

Während der Untertitel im Original lautet: „A Hidden Tribe, Superathletes, and the Greatest Race the World Has Never Seen“ (Ein verborgener Stamm, Superathleten und das größte Rennen, wie es die Welt noch nie gesehen hat), ist die deutsche Ausgabe untertitelt: „Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt.“ Dass die im Norden Mexikos in der Sierra Madre lebenden indigenen ‚Tarahumara’ ein „vergessenes Volk“ sind, ist schlicht falsch. Etliche Ethnologen haben dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts dokumentierte Feldstudien durchgeführt, u.a. der deutsche Ethnologe 'Claus Deimel', der mehrere Bücher über seine Studien veröffentlicht hat. Der deutsche Laufpionier Werner Sonntag (geb. 1927) weiß in einer Buchbesprechung des ‚LaufReports’ zu berichten, dass 1994 drei Tarahumara-Läufer zum ‚Swissalpin’ in Davos angetreten sind, ohne überzeugen zu können‚

‚Tarahumara’ als „vergessenes Volk“ zu bezeichnen, ist in einem weiteren Sinn unzutreffend. Der Begriff ‚Volk’ ist ein gedankliches Konstrukt, das eine gedachte Ordnung herstellt. ‚Volk’ bezeichnet eine große Menschenmenge, die aufgrund gleicher Sprache und Kultur als Einheit (‚Ethnie’) identifiziert wird, ohne eine politische Ordnung oder eine bewusste Kollektividentität ihrer Individuen vorauszusetzen. Der Originaltitel des Buches verwendet dagegen den englischen Begriff ‚Tribe’. ‚Tribe’ bezeichnet eine lokal abgegrenzte Gesellschaftsform, deren Mitglieder sich selbst als Gemeinschaft identifizieren aufgrund gemeinsamer Abstammungsmerkmale, die verwandtschaftlicher, religiöser oder kultureller Art sein können. Eine exakte Übersetzung kennt das Deutsche nicht. Als deutsches Synonym gilt der Begriff ‚Stamm’, der in der Ethnologie auch so verwendet wird. Sozial und politisch ist ‚Stamm’ jedoch ein negativ besetzter Begriff, der auf Ablehnung stößt. Die Übersetzter mogeln sich aus der Problematik, indem sie kurzerhand ‚Tribe’ mit ‚Volk’ übersetzen, was marketingtechnische Vorteile versprechen mag, aber falsch ist.

Selbst aus der Distanz ist zu erkennen, dass „Born to Run“ eine romantisierende Sicht auf die indigene Ethnie der ‚Tarahumara’ vermittelt. ‚Tarahumara’ als die „besten und glücklichsten Läufer der Welt“ zu bezeichnen, ist dem Setzkasten eines Journalismus entglitten, der mit Superlativen Aufsehen zugunsten des eigenen Erfolgs sucht. Euphemistischen Wertungen sind absolut verzichtbar und verzerren eine eher traurige soziale Realität. Das Buch würde ohne diese Behauptungen nicht ärmer, sondern glaubwürdiger.

Ein informativer englischsprachiger Wikipedia-Artikel über die ‚Tarahumara people’ zeigt ein deutlich anderes Bild. Quellenangaben des Artikels laden zu weiteren Recherchen ein. Empfohlen sei darüber hinaus ein in der Ausgabe 11/2008 der Zeitschrift ‚National Geographic’ publizierter Artikel (in englischer Sprache) der renommierten Journalistin Cynthia Gorney mit dem Titel "A people Apart"

Als Fazit lässt sich feststellen, dass ‚Tarahumara’ weder vergessen sind, noch ein 'Volk' bilden und wahrscheinlich weit entfernt von unseren Glücksvorstellungen leben.

Anmerkung 4 zu 'Born to Run': Fettstoffwechsel vs. Glykogenverbrennung (Zuckerstoffwechsel)

In Kapitel 27 beschreibt McDougall seine Metamorphose vom naiven Jogger zum Langstreckenläufer unter Anleitung seines Coachs Eric Orton. Auf Seite 289 sind einige Ansichten über Zusammenhänge zwischen ‚falschem’ und ‚richtigem’ Tempo im Hinblick auf ‚Zuckerstoffwechsel’ (der vermeintlich zu vermeiden ist) und ‚Fettstoffwechsel’ (den wir bevorzugen sollten) dargestellt. Diese unsinnigen Annahmen kursieren seit Jahrzehnten unausrottbar durch die Laufliteratur und bezeugen einmal mehr das große Unverständnis von Stoffwechselprozessen der Energiebereitstellung. (Die Energieversorgung muskulärer Systeme beschreibt vertiefend ein eigener Artikel.)

Anmerkung 5 zu 'Born to Run': Ernährung

Nicht überraschend kommt McDougall zu der Erkenntnis, dass er sein Gewicht reduzieren und sein Ernährungsverhalten umstellen muss. Am Rande von unzweifelhaften Erkenntnissen einer ausgewogenen und die Gesundheit nicht belastenden Ernährung bilden Fragen guter und richtiger Ernährung ein Minenfeld von Ernährungskriegen zwischen Ernährungsreligionen. Dieses Minenfeld zu meiden, ist kein Zeichen von Feigheit, sondern von Weisheit.

McDougall vermeidet zwar Ernährungsvorgaben, vermittelt aber wiederholt, dass er die Ernährung der ‚Tarahumara’ als eine besondere Quelle von Kraft und Ausdauer sieht. Das traditionelle Gericht ‚Pinole’ (geröstete und mit Gemüse, Kräutern und Saat angereicherte Maiskerne) scheint wahre Wunder zu bewirken. In der Leistungsspitze mögen bestimmte Ernährungsweisen ein kleiner Erfolgsbeitrag sein, und sei es als ‚Voodoo’, das bekanntlich von großer Wirkung sein kann. Wer für sich ein glücklich machendes Ernährungsprogramm gefunden hat, darf sich darüber freuen. Gegen eine Weitergabe erprobter und belastbarer Erfahrungen an Ratsuchende ist nichts einzuwenden, wenn den Beteiligten bewusst ist, dass es sich um subjektive Erfahrungen ohne Beweiskraft handelt und nicht um objektive Erkenntnisse. Vorgaben lassen sich aus einem vermeintlich überlegenen Ernährungsprogramm erst dann ableiten, wenn Überlegenheit über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus überprüfbar nachgewiesen ist und erst dann Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.

Dass Drogen, Genussmittel‚ Junkfood’, Fertiggerichte und Billigprodukte auf Dauer weder leistungs- noch gesundheitsfördernd sind, muss als Selbstverständlichkeit nicht weiter diskutiert werden. Umgekehrt ist es deutlich schwieriger, eine Positivliste aufzustellen und daraus ein leistungs- und gesundheitsförderndes Ernährungsprogramm abzuleiten. Auch wenn Anderes behauptet wird, die Herstellung der meisten Lebensmittelprodukte bleibt intransparent. Regelmäßig treten nicht nur Fleischskandale auf, sondern wir erfahren immer wieder, wie ‚Bio’ als Qualitätsversprechen versagt und insbesondere Mais und Soja, aber auch andere Gemüsesorten mit nicht absehbaren Risiken genmanipuliert sind. Wer vermag zu entscheiden, welche Proteine aus welcher Quelle womit verseucht sind, welche Schadstoffe Obst und Gemüse belasten und welche Auswirkungen zu erwarten sind?

Noch unübersichtlicher sind Stoffwechselprozesse, die in ihren komplexen Zusammenhängen bisher kaum bekannt oder verstanden sind. Als Beispiel sei die seit Jahren anhaltende Diskussion über Vitaminpräparate, Elektrolyte, freie Sauerstoffradikale etc. erwähnt. Selbsternannte ‚Ernährungspäpste’ propagieren kohlehydratreiche Kost, andere ‚Päpste’ warnen vor Diabetesrisiken aufgrund von Kohlehydraten. Rolle und Wirkmechanismen vermeintlich ‚guter’ und ‚schlechter’ Cholesterine und die Bedeutung ihrer Verteilung sind nach wie vor ungeklärt, was Medizin und Pharmaindustrie nur selten öffentlich eingestehen. Lipidsenker, die natürlich nicht risikofrei sind, verbessern zwar Laborwerte, aber ihr präventiver Nutzen liegt bei Null und verbessern die Prognose bei vorausgegangen Infarkten nur um 4 %, erklärte 2011 Prof. Erdmann (bis zum Jahr 2012 Chefarzt des kardiologischen Zentrums der Uni-Klinik Köln) in einem Vortrag vor Fachkollegen. Widerspruch hat sich nicht gerührt, berichtet ein Artikel in der 'Der Spiegel 11/2012'.

Das 'The New England Journal of Medicine' berichtet in dem Artikel „Effects of Torcetrapib in Patients at High Risk for Coronary Events“ über eine randomisierte Doppelblind-Studie zu einem klinischen Test des Wirkstoffs ‚Torcetrapib’, der eine verbesserte Prognose mittels Einfluss auf den Lipidstoffwechsel versprach. An der Studie nahmen 15.067 Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko teil. Bei Patienten, die zusätzlich zu ‚Atorvastatin’ (ein 'Statin') den Wirkstoff ‚Torcetrapib’ erhielten, stieg innerhalb von 12 Monaten der HDL-Blutspiegel (‚gutes’ Cholesterin) um 72,1 % an, während der LDL-Blutspiegel (‚schlechtes’ Cholesterin) im gleichen Zeitraum um 24,9 % sank. Das Ergebnis war in jeder Hinsicht beeindruckend. Es zeigte sich, dass im Untersuchungszeitraum die Sterblichkeit in der Torcetrapib-Gruppe um 57,6 % höher war als in der Vergleichsgruppe und schwere kardiovaskuläre Ereignisse um 27,8 % häufiger auftraten. Die Studie musste wegen erhöhter Risiken der Torcetrapib-Gruppe vorzeitig beendet werden. Die Mechanismen erhöhten Risikos für Mortalität und Morbidität blieben unbekannt.

Veröffentlichungen zu Ergebnissen aktueller Forschung lassen vermuten, dass eine niedrige Konzentration von High Density Lipoprotein (HDL)-Cholesterin und seines wesentlichen Bestandteils Apolipoprotein A-I (ApoA-I) ein Risikofaktor für das Auftreten von Typ-2-Diabetes und für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte: Gutes Cholesterin bekämpft hohen Blutzucker. Die Relevanz dieser Annahmen lässt sich aktuell nicht einschätzen, aber als Läufer können wir den Erkenntnisfortschritt vorerst beruhigt abwarten, weil regelmäßige sportliche Aktivität nachweislich den Anteil von HDL im Blut erhöht und Risiken des metabolischen Syndroms reduziert.

Ob sich eine Diät nachhaltig positiv oder negativ auf die Gesundheit und damit auch auf die Leistung auswirkt, erweist sich mangels sicherem Wissen nur aus der Erfahrung, also erst langfristig. Ob jedoch in dem komplexen Netz unterschiedlichster Faktoren und Wechselwirkungen belastbare Kausalbeziehungen zwischen dem Auftreten oder Ausbleiben von Schäden oder Leistungssteigerungen einerseits und isolierbaren Faktoren andererseits hergestellt werden können, ist höchst fraglich.

‚Ernähungsreligionen’ bieten Schein- oder Ersatzsicherheit. Wer diesen Religionen aus eigener Überzeugung beitreten möchte, mag das tun. Glücklicherweise verfügen wir über diese Freiheit. Für ‚Ernähungsreligionen’ zu missionieren, ist jedoch unredlich. Glaube und Überzeugung bilden keinen Beweis. Erfahrungen der Schulmedizin sollten uns demütig machen.

Alle Indizien sprechen dafür, dass unter Bedingungen einer ausreichenden Versorgungssituation und bei Vermeidung von Nahrungsdreck der Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit deutlich überbewertet wird, während die Bedeutung von Bewegung noch immer unterschätzt wird. Darum ist nachvollziehbar, wenn Jeff Galloway davor warnt, Ernährungsfragen als kurzfristige Maßnahme der Leistungssteigerung zum ‚Fetisch’ zu machen: „Sie (gemeint sind ‚Diäten’) verschleiern die Grundwahrheit, nämlich dass Training viel mehr für die Verbesserung der Leistung tut als Diät.“ (Richtig Laufen mit Galloway).

Jörg Bunert, über viele Jahre dominierender Langstreckenläufer im Raum Duisburg, mit dessen Gruppe ich 1993 zum New York City Marathon gereist bin, gönnte sich als erfahrener Läufer am Abend vor dem Marathon noch einige Bierchen an der Hotelbar, wie ich schockiert feststellte, als ich an der Bar Eiswürfel holte, um meine Blessuren zu kühlen. Am nächsten Tag lief Jörg mit einer Zeit von 2:32 Std. in der Gesamtwertung als 76. von ca. 25.000 Läufern durch das Ziel und war trotz meiner Askese nicht nur eine Stunde schneller als ich, sondern bester von mehr als 1.000 deutschen Teilnehmern (wenn man von Uta Pippig absieht, die als erste Frau 6 Minuten vor ihm einlief, aber vermutlich gedopt war). Ob Jörg ohne Bier vielleicht ein paar Sekunden schneller gelaufen wäre, bleibt Spekulation. Vielleicht hat aber auch gerade die lockere Haltung seine Leistung beflügelt. Wie auch immer, ich war enttäuscht von mir, während Jörg seinen Spaß hatte, und nur darauf kommt es an, wenn wir nicht um unser Leben laufen.

Jeff Galloway, der zu den von McDougall erwähnten erfolgreichen ‚Wilden’ der amerikanischen Langlaufszene der 70er und 80er Jahre zählt, petzt über Bill Rodgers, ein anderer ‚Wilder’, der fast ein Jahrzehnt die Marathonszene dominierte und die Marathons von Boston und New York City gleich mehrfach gewann. Bill Rogers sei beobachtet worden, berichtet Jeff Galloway, wie er seine Pizza mit Mayonnaise getränkt habe (Jeff Galloway, Richtig Laufen mit Galloway, 2. Auflage, Aachen 1989, S. 185).

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