Samstag, 27. August 2016

Karwendelmarsch 2016 - Freestyle-Hardcore durch die Nördlichen Kalkalpen (Update 7.09.2016)

Falkenhütte, 1848 m, unter den Laliderer Wänden
Falkenhütte unter den Laliderer Wänden
Auf dem Rückweg unseres Südtirol-Aufenthaltes nutzen wir die Gelegenheit zur Teilnahme am Karwendelmarsch(1), dessen Route im Karwendel, eine Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen, von Scharnitz nach Pertisau am Achensee verläuft. Die Distanz über 52 km weist nicht weniger als ca. 2300 Höhenmeter jeweils im Anstieg und Abstieg auf.(2) 2500 Startplätze sind 2 Monate vor der Veranstaltung vergeben. Teilnehmer melden sich als Läufer oder als Marschierer (Wanderer, Walker, Nordic Walker). Eine Klassenwertung findet nur für Läufer statt. Walking-Stöcke sind prinzipiell zugelassen. Läufer dürfen gehen und Marschierer dürfen laufen. Kategorien sind Makulatur. Marschierer können für eine Distanz über 35 km melden (tatsächlich 35,9 km) und am Zwischenziel Engalm auf dem Großen Ahornboden im Rißtal finishen. Auf der 'Kurzdistanz' sind ca. 1700 m Anstieg und 1450 m Abstieg zu bewältigen. Über 52 km gemeldete Läufer und Marschierer können ebenfalls an der Engalm finishen, müssen sich aber für die Ergebniswertung nachträglich umschreiben lassen. Wir haben eine Weile benötigt, um das Regelwerk zu verstehen und uns schließlich für den 'Marsch' über 52 km entschieden, um alle Optionen nutzen zu können. Trotz grandioser Landschaft und exzellenter Organsiation sind wir am Ende eines heißen Tages völlig verausgabt und schließlich mit 35,9 km in der Zeit von 7:35 Std. zufrieden.(3)
Fotoserien: Registrierung 26.08.2016 - Karwendelmarsch 27.08.2016

Start Karwendellauf in Scharnitz
Startraum in Scharnitz
Startraum in Scharnitz
Die Vermieterin unserer Ferienwohnung im Haus Sonnenrain fährt uns freundlicherweise um 5:00 Uhr morgens in der Dunkelheit von Mittenwald zum 8 km entfernten Start in Scharnitz. 17,5 Grad zeigt das Thermometer bereits zu dieser Zeit. Ein heißer Tag erwartet uns.
Zum pünktlichen Start um 6:00 Uhr ist es bereits dämmrig. Bedingungen und Atmosphäre der Veranstaltung wecken Erinnerungen an den Comrades und den Two Oceans Marathon in Südafrika, die wir im Zeitraum der Jahre 2000-2008 mehrmals gelaufen sind.
In Scharnitz startet das Feld der Läufer vor den Marschierern, die sich in Startgassen zunächst ihre persönliche Stempelkarte stempeln lassen, ehe sie auf die Strecke gehen. An Verpflegungspunkten (in Österreich als 'Labestation' bezeichnet) sowie im Ziel wird die Karte gestempelt. Die Stempelkarte dient vermutlich der Streckenkontrolle. Ihre Sinnhaftigkeit erschließt sich uns jedoch nicht, weil eine elektronische Zeitnahme stattfindet, Läufer von der Stempelkarte befreit sind und niemand die Stempelkarte kontrolliert.

Nordic Walking von Scharnitz zum Karwendelhaus (Kilometer 0-19)
Anstieg aus dem Karwendeltal zum Karwendelhaus Am Ortsausgang von Scharnitz erreichen wir den E4 alpin, dem wir in östlicher Richtung folgen. Ein kurzer, kräftiger Anstieg führt uns mit einigen Kehren in das Karwendeltal zwischen Nördlicher Karwendelkette und Vomperkette. Obwohl auf ca. 18,5 km Distanz bis zum ersten Gipfel beim Karwendelhaus mehr als 1000 Höhenmeter zu bewältigen sind, steigt der komfortable Wirtschaftsweg vorerst nur moderat an. Bei aufgehender Sonne beginnen wir im forcierten Nordic-Walking-Stil und erreichen nach 9,6 km den ersten Verpflegungspunkt am Schafstallboden (1173 m) in 1:35 Std., was einem Tempo von 6,0 km/Std. entspricht, das wir jedoch nicht durchhalten werden.






Verpflegungspunkt beim Karwendelhaus Die ersten 10 km sind nicht mehr als ein Warmlaufen. Mittlerweile gehen wir der aufsteigenden Sonne entgegen, die uns zusätzlich erwärmt und bei ihrem noch tiefen Stand blendet. Ab Kilometer 15 beginnt der härtere Teil der Strecke, der Anstieg über die Hochalm und vorbei am Karwendelhaus zum Hochalmjoch (1803 m). In zahllosen Kehren steigen wir auf inzwischen schattenlosem Weg mit jagendem Puls kräftig schwitzend auf. Nach 3:20 Std. ist endlich die 2. Verpflegungsstelle am Karwendelhaus bei Kilometer 18,2 erreicht. Der Anstieg hat viele Körner gekostet. Die Engalm ist nach 35,9 km unser Ziel, soviel ist bereits jetzt sicher. Woher wir Energie für die restliche Strecke über 17,7 km im Gebirgsprofil beziehen werden, wissen wir noch nicht. Am vorbildlich organisierten und bestückten Verpflegungsstand gönnen wir uns eine kurze Ruhephase, schütten fast einen Liter Wasser in uns hinein, bedienen uns bei Energieriegeln, belegten Broten und Äpfeln, nehmen einige Fotos auf und setzten uns erst langsam wieder in Bewegung.

Wanderung vom Karwendelhaus zur Falkenhütte (Kilometer 18,2-30,2)
Verpflegungspunkt Kleiner Ahornboden Ab dem Karwendelhaus verläuft unsere Route auf dem Adlerweg, ein alpiner Weitwanderweg durch Tirol. Nach einem nur kurzen Anstieg zum Hochalmjoch folgt ein ca. 6 km langer Abstieg zum Kleinen Ahornboden im Johannestal. Der Weg wird und bleibt jetzt ruppiger. Rutschiger grober und feiner Schotter wechselt mit felsigen Stufen. In tieferen Lagen bilden Baumwurzeln zusätzliche Hürden. Da wir konzentriert gehen und zugleich unsere Kraft klug einteilen müssen, wechseln wir für die restliche Strecke in den Wandermodus. Zunehmend werden wir in das Mittelfeld durchgereicht, was uns aber nicht beeindruckt, weil die meisten Teilnehmer vom Alter her als unsere Kinder oder Enkelkinder gelten könnten. In unserer 'uncoolen' Wanderkluft sind wir ohnehin Exoten unter den überwiegend im Renndress und mit allerlei Gimmicks ausgestatteten, stylish gekleideten, gepiercten und oft aufdringlich tätowierten Teilnehmern aus einer uns fremden Welt.


Kleiner Ahornboden unter den Laliderer Wänden Von der Hochgebirgslandschaft beim Karwendelhaus steigen wir auf 5 km Strecke gut 400 Höhenmeter zu einem landschaftlich beeindruckende Almboden ab, dessen 300-600 Jahre alte Berg-Ahornbestände als Naturdenkmal unter Schutz gestellt sind. Am Kleinen Ahornboden (1399 m) erreichen wir bei Kilometer 24,2 nach 4:25 Std. den dritten Verpflegungspunkt. Auf dem Abstieg konnten wir uns ein wenig erholen. Trotzdem gönnen wir uns vor dem nächsten großen Anstieg einige Minuten Ruhe, stillen großen Durst und befreien uns von Steinchen im Schuh.







Wassertränke an der Ladiz-Alm Von 1399 m Höhe steigt der Weg über 6 km auf 1848 m zu unserem nächsten Gipfel an der Falkenhütte unter den Laliderer Wänden. Zunächst fällt jedoch die Route auf dem folgenden Kilometer leicht ab, bevor der etwa 5 km lange Anstieg zur Falkenhütte über zahlreiche Rampen einsetzt. Kurz vor der Laditz-Alm verlassen wir den Schatten spendenden Wald und sind gnadenlos der Sonne ausgesetzt. Durst quält. Eine Frischwassertränke an der Ladiz-Alm ignoriert kaum einer der Teilnehmer, also ist erst einmal Anstellen angesagt. Die Distanz bis zur Falkenhütte beträgt nur noch 1,5 km, aber diese sind steil und verlangen Kampf.






Verpflegungspunkt Falkenhütte Den 4. Verpflegungspunkt an der Falkenhütte (1848 m) erreichen wir nach 5:50 Std.. 30,2 km sind zurückgelegt und unser Motor läuft am Anschlag. Erneut erlauben wir uns eine ca. 5-minütige Pause und trinken mindestens einen Liter Holunderwasser. Feste Nahrung hilft für die Restdistanz nicht mehr, aber kurz vor dem Totalschaden wird sie uns auch nicht mehr zusätzlich schädigen.









Almdorf Eng am Großen Ahornboden im Rißtal Ab der Falkenhütte steigen wir von 1848 m Höhe über 1,25 km auf 1680 m Höhe ab, erholen uns ein wenig auf einer flachen Passage und und überleben auf dem folgenden Kilometer auch den letzten Anstieg zum Hohljoch (1794 m), an dem wir das Laliderer Tal zum Rißtal überschreiten. Der Abstieg zur Engalm (1227 m) auf dem Großen Ahornboden im Rißtal ist holprig, überwiegend steil und erfordert Konzentration. Mit dem Ziel vor Augen nehmen wir auch die letzte Hürde sturzfrei und beglückwünschen uns gegenseitig nach 7:35 Std. im Ziel. Als gemeldete Marschierer über 52 km lassen wir uns als Finisher über 35 km eintragen und empfangen Medaille, Glückwünsche sowie ein 'goody bag' mit Werbung und 'give aways'.
Die beeindruckende Landschaft am Großen Ahornboden des Rißtals motiviert uns 3 Tage später zur Rückkehr. - Fotoserie: Isartal, Rißtal, Großer Ahornboden, Engalm



Finisherin an der EngalmFinisher an der Engalm, Großer Ahornboden Die Versorgung an der Engalm lässt keine Wünsche offen. Wir kosten das Angebot nur kurz aus, um zunächst herauszufinden, wo und wann der Rücktransfer nach Scharnitz startet. Wir sind zwar angemeldet, aber Busse verkehren nicht nach Plan, sondern starten, wenn alle Plätze besetzt sind.(4) Wir haben Glück und müssen nur kurze Zeit auf die Abfahrt warten. Der äußerst freundliche Busfahrer unterhält uns auf der Fahrt durch die wunderschöne Landschaft von Rißtal und Bayerisches Inntal mit Informationen zur Geologie und Historie der Region und streut 'Histörchen' über das 'real life' ein. Außerplanmäßig lässt er uns in Mittenwald aussteigen. Gegen 16:00 Uhr sind wir zurück im Haus Sonnenrain. Am Abend ist ein Flasche Sekt fällig, ehe wir in einen tiefen, festen Schlaf fallen.

Anmerkungen
  1. Die militärisch anmutende Bezeichnung 'Karwendelmarsch' irritiert, weil auch eine Laufwertung mit Zeitmessung stattfindet, bei der Läufer in den üblichen Wertungsklassen katalogisiert werden. Die Bezeichnung als 'Marsch' vermeidet jedoch Verwechselungen mit dem Karwendel-Berglauf, ein seit 1932 durchgeführter Berglauf mit Start in Mittenwald. 
  2. Die Route verläuft auf teilweise parallel verlaufenden Abschnitten der Fernwanderwege E4 alpin und Adlerweg.  
  3. Statistische Daten zum Event:
    Gesamtzahl registrierter Finisher: 2031
    Gewertete Finsher über 52 km: 656 Lauf, 1098 Marsch
    Schnellste Finsher über 52 km: Konrad Lex (M) 4:21:17 - Kristin Berglund (F) 4:54:18
    Gewertete Finsher über 35 km: 277 (davon waren 117 vor uns im Ziel)
    Schnellste Finsher über 35 km: Sascha Pirke (M) 3:52:05 - Barbara Hofer (F) 4:34:01
  4. Das Busticket kostet 15 € pP, die aber erst bei Fahrtantritt zu entrichten sind.

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