Samstag, 19. April 2003

Two Oceans Marathon 2003 - neue Bestzeit trotz schlechter Bedingungen

Eine neue persönliche Bestzeit erwarten wir heute nicht. Im Gegenteil treten wir verunsichert an und fürchten auf der zweiten Streckenhälfte die Gefahr eines Einbruchs.
So warm und feucht wie in diesem Jahr war es in Vorjahren nicht. Die hohe Luftfeuchtigkeit erinnert an Erfahrungen in tropischen Regionen. Darauf sind wir nicht eingestellt. Wie üblich sind wir zwar gut vorbereitet, aber erfahrungsgemäß ist unsere Leistungsfähigkeit unter solchen Bedingungen deutlich eingeschränkt. Enttäuschende Leistungen in der Vorbereitung verunsichern zusätzlich. Das Rennen über 56 km auf anspruchsvoller Strecke gehen wir vorsichtiger und skeptischer als üblich an. Am Ende des Tages kommt es ganz anders.


Bei Fish Hoek stellt sich die erste große Krise ein. Damit kann man fertig werden, aber es sind erst 20 km erledigt und schwere 36 km liegen noch vor uns. An den in dichter Folge organisierten Verpflegungsstellen greife ich in meiner Not zu Cola. Im Alltag trinke ich keine Cola, aber für Ultraäufer ist Cola ein beliebtes Getränk, weil schnell verfügbare Energiereserven zugeführt werden. Andererseits ist Cola nicht ungefährlich, weil der Blutzuckerspiegel schnell Achterbahn fährt, wenn der Nachschub ausbleibt. Daher trinke ich meistens erst gegen Ende eines Wettkampfs Cola. Heute muss es bereits auf der ersten Hälfte sein und es scheint so, dass es hilft. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, was aber nicht schadet. Bekanntlich vermag ja auch Autosuggestion Kräfte freizusetzen. Mir ist es jetzt gleich, woher die Kräfte kommen, weil ich ohne Mobilisierung neuer Kräfte scheitern werde.

Wolken lassen Sonnenstrahlen erst auf dem Pass der Ou Kaaspse Roud passieren. Das ist freundlich von den Wolken, aber ausgerechnet hier, wo es keinen Schatten gibt, brauchen wir schon gar keine Sonne. Hinter dem Pass laufen wir zum Glück wieder unter einer geschlossenen Wolkendecke, die sich erst ab dem letzten Viertel der Strecke auflösen wird. Zur Hälfte liegen wir bei 2:45 Std. Das ist nicht schlecht, aber die zweite Hälfte ist deutlich schwerer, und bei zwei vorhergehenden Läufen waren wir auf der zweiten Hälfte jeweils 10 Minuten länger unterwegs als auf der ersten Hälfte. Vielleicht sind wir auch unter diesen Bedingungen zu schnell angegangen. Andererseits sollten wir dieses Tempo laufen können, aber ob das auch heute gilt, wissen wir erst später. Am Marathonpunkt werden 4:10 Std. angezeigt, d.h. wir haben das Tempo bis hier halten können. Jetzt liegen erst einmal einige Genußkilometer vor uns, auf denen wir uns vielleicht etwas erholen können, um auch die letzten Prüfungen zu bestehen.


Auf der letzten großen Steigung nach Constantia Heights fließt Schweiß buchstäblich in Strömen. Die Temperatur dürfte jetzt bei 30 Grad liegen. Sonnenschein bricht zum Glück erst kurze Zeit später durch. Zeitverluste können wir noch immer nicht feststellen. Der Kreislauf ist stabil und die Kräfte sind noch nicht aufgezehrt. Die uns lange Zeit begleitetende Skepsis löst sich allmählich auf. Das Gehirn arbeitet jedoch nicht mehr zuverlässig. Bei Constantia Heigths besagt meine Hochrechnung, dass wir eine Chance haben, unter 5:30 Std. zu bleiben, wenn wir noch ein wenig beschleunigen können. Das gelingt uns auch, aber bei Kirstenbosch Gardens müssen wir erkennen, dass ich mich um einen Kilometer verrechnet habe und unsere vermeintliche Chance eine Fiktion ist.




Inzwischen rollt es so gut, dass wir unseren Plan nicht mehr aufgeben wollen. Wir wissen, dass der Schuss nach hinten losgehen kann, wenn wir die letzten 5 km am Anschlag laufen. Das Tempo wollen wir daher je Kilometer nur ein wenig steigern. Und es gelingt! Auf den beiden letzten Kilometern fliegen wir in dem nur selten erlebten Rausch des "Runner's High" über die Union Ave. Wir rauschen an Hunderten von Läufern vorbei, die sich wahrscheinlich über uns wundern oder vielleicht auch eine Täuschung vermuten. Die letzten Verpflegungsstände lassen wir aus, um keine Sekunden zu verlieren und auf kürzestem Weg ins Ziel zu laufen. Zuschauer feuern uns mit Zurufen wie "Good Job" und "Keep it" an und informieren über die noch verleibende Restdistanz. Dann taucht der Zielbereich vor uns auf. Wir fliegen noch eine Schleife über das Gelände, während die Uhr uns signalisiert, dass wir es schaffen werden. Mit 5:29:29 sind wir offiziell gestoppt. Glücksgefühle durchströmen uns. Vielleicht hat uns auch der Wahnsinn geküsst. Wer weiß das schon? Wir haben das Unmögliche geschafft und waren auf der deutlich schwereren zweiten Hälfte ca. 2 Minuten schneller als auf der ersten Hälfte. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Well done!

Ernüchterung im 'International Tent'. Der Sponsor des Zeltes hat gewechselt. Von der großzügigen Bewirtung, die wir in den Vorjahren genießen durften, ist nichts mehr übrig. Statt dessen wird die Standardverpflegung ausgegeben, die alle Läufer erhalten. Darauf legen wir jetzt keinen Wert und verlassen das Zelt, um das weitere Geschehen im Ziel von der Zuschauertribüne aus im Sonnenschein zu betrachten. Bei den Zuschauern handelt es sich um Begleiter von Läufern, die noch auf der Strecke sind und darum von ihren Angehörigen sehnsüchtig erwartet werden. Wir werden als Finisher erkannt und freuen uns über Glückwünsche und den Respekt, der uns entgegengebracht wird. Gemeinsam mit den Angehörigen bejubeln wir das Einlaufen der erwarteten Läufer und teilen die Freude.

Unseren Erfolg feiern wir am Abend (wie im Vorjahr) in Graeme Shaperos "The Restaurant" in Kapstadt und genießen bei einem vorzüglichen Menü noch einmal den heutigen Tag in allen Details unserer Erinnerung. Für das nächste Jahr ist die Rückkehr auf die Originalstrecke über den Chapman's Peak Drive angekündigt. Wir wollen dabei sein!

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