Samstag, 30. März 2002

Two Oceans Marathon 2002 - Etikettenschwindel mit Suchtpotential

Ostersamstags ist auf der Cape Peninsula von Südafrika Race Day des Two Oceans Marathons. Der Name des Laufes irritiert aus zwei Gründen:
(1) In Südafrika werden alle Läufe mit Distanzen ab 42,195 km als "Marathon“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich bei der Streckenlänge von 56 km um einen Ultralauf.
(2) Seit die Traumstraße des Chapman´s Peak Drive wegen eines Bergrutsches gesperrt ist, führt die Route über den Ou Kapseweg und streift nur einen Ozean.
Der Two Oceans Marathon hat den Charakter einer Einstiegsdroge in den Ultralauf, die mit dem ersten Genuß süchtig macht und nicht nur nach Wiederholung verlangt, sondern auch den Wunsch nach einer
Steigerung weckt. Eine logische Steigerung ist für etliche Teilnehmer der Comrades Marathon, weshalb sie den Two Oceans Marathon als Vorbereitung zum Comrades Marathon laufen. Aber das ist ein Thema für einen eigenen Post.

Start um 6:00 Uhr: Go to feel the pain! 
Der frühe Start erzwingt eine kurze Nacht, wird aber wegen der zu erwartenden Wärme von den Teilnehmern begrüßt. (Ein späterer Start stieß im Jahr 2006 auf eine breite Ablehnung und provozierte gallige Kommentare: "They want to kill us!")
Zur Startzeit ist es noch dunkel. Im Startbereich sorgen Schein- werfer, Musik und Durchsagen für die Einstimmung der Läufer. Die Läufer sind entsprechend ihrer Qualifikationszeit in Start- blöcke eingeordnet. Die Sollzeit beträgt 7 Stunden ohne Wenn und Aber. Trotz Chipmessung wird nur die Bruttozeit gewertet und das Ziel nach exakt 7 Stunden gesperrt. Noch sind alle Läufer zuversichtlich, aber mit 14° C ist es auch noch relativ kühl. Die letzten Minuten werden herabgezählt und mit motivierenden Aufforderungen kommentiert: „10 minutes! Go to feel the pain!“
Solche Ansagen haben wir zunächst als einen speziellen Humor aufgefasst. Auf der Strecke konnten wir schnell hinzulernen. Pünklich um 6:00 Uhr wird der Lauf für alle gleichzeitig gestartet. Das Feld setzt sich auf der Main Road in Bewegung und läuft dem Meer in südlicher Richung entgegen.

Auf der Strecke: So beautiful, it hearts!
Nach etwa einer halben Stunde beginnt es zu dämmern. Zum Sonnenaufgang hat die Strecke ein leichtes Gefälle. Die Läufer befinden sich in einer euphorischen Stimmung, in der es Kontrolle über das Tempo zu halten gilt. Der Weg ist noch weit und der Lauf beginnt erst so richtig ab der Hälfte.
Bei Muizenberg wird nach ca. 16 km das Meer erreicht. Auf der Küstenstraße geht es an St. James mit seinen bunten Strandhäusern und an Kalk Bay vofbei, ehe die Strecke nach 21 km bei Fish Hoek landeinwärts abbiegt. Ein kleiner Hügel bereitet auf den bevorstehenden langen Anstieg zum Pass des Ou Kaapseweg vor, der bei km 26 beginnt und mit der lautstarken Unterstützung von Volunteer Groups bei km 32,5 erreicht ist.
Ein grandioser Blick über die False Bay und das Naturreservat Silvermine entschädigt auf der Passhöhe für die Anstrengungen des Anstiegs. Allerdings schränkt ein strammer Gegenwind diesen Genuß ein und zusätzlich peinigt das starke Gefälle die inzwischen schon ermüdete Muskulatur.  
Bei Tokai ist der Marathonpunkt erreicht und es folgt ein echter Genußabschnitt auf fast ebener Strecke durch die wunderschöne Allee der Spaanschemat River Road, die an den berühmten Weingütern von Constantia vorbeiführt wie Buitenverwachting und Klein Constantia. Die schattigen Alleen von Constantia vermögen nicht mehr zu kaschieren, dass die Temperturen inzwischen deutlich jenseits des Komfortbereichs liegen. In kluger Absicht der Veranstalter werden die Abstände zwischen den insgesamt 32 bestens organisierten Verpflegungsstation an der Strecke kürzer und stellen eine perfekte Versorgung sicher.  
Die Strecke wird nun wieder welliger und die Höhe von Constantia Heights hält noch eine schwere Prüfung bereit. Ihr Tempo können nur solche Läufer halten, die seriös vorbereitet sind und ihre Körner auf der Strecke gut eingeteilt haben. Alle anderen sind immer häufiger gezwungen Gehpausen einzulegen und damit Zeiteinbußen in Kauf zu nehmen, was der Blick auf die Uhr gnadenlos offenbart. Die Finshzeiten sehen Intervalle vor, mit denen die Qualität der Medaillen abnimmt, die eine erfolgreiche Teilnahme dokumentieren. Gold und Silber ist der Elite vorbehalten. Mit einer Zeit unter 6:00 Std. winkt Bronze. Danach gibt es lediglich noch eine Blue Medal, aber auch die will erst einmal erkämpft sein. Bei km 50 ist die Höhe von Constantia erreicht. Nun kann man es rollen lassen. Etwa ein Kiliometer später wird der botanische Garten von Kirstenbosch passiert, wo noch einmal mächtig Stimmung gemacht wird, um die Mobiliisierung der letzten Kräfte zu unterstützen. Endlich zweigt der Kurs nach links ab auf die Schnellstraße M3. Bis zum Ziel sind es nun noch ca. 2,5 km, die sich jedoch auf dem schattenlosen, welligen Kurs ordentlich ziehen. Viele Läufer streben inzwischen dem Ziel als Geher entgegen. Zuschauer an der Strecke informieren laufend über die noch verbleibende Distanz. Ca. 1,5 km vor dem Ziel befindet sich der besonders großer Stand der letzten Strecken- verpflegung. Die schnellen Beats lauter Musik und eine einpeitschende Moderation treiben die Läufer an. Auch die Helfer geben alles und feiern die Läufer bereits als Helden.

Das Ziel: Welcome home!
Das Ziel ist erst sehr spät zu sehen, es kündigt sich aber schon mindestens 1 km vorher mit seiner Geräuschkulisse an. Kurz nach Einlauf auf den Rasen des Universitäts-Sportgeländes ist noch eine Schleife zu laufen, bis die Strecke unter einer Fußgängerbrücke hindurchführt, die die Läufer mit dem Transparent  "Welcome Home!" begrüßt. Ab hier sind es noch etwa 100m bis zum Ziel. Unmittelbar am Zielkanal befindet sich das Zelt für die Bewirtung der Overseas International Runner und ihre Begleiter, die ihre Helden lautstark freudig begrüßen. Jeder eintreffende Läufer wird im Ziel beglückwünscht und empfängt seine Medaille. Unmittelbar hinter dem Zielkanal werden bereits gut gekühlte Getränke angeboten. Die Zeit reicht mit 5:44 Std. für eine Bronzemedaille. „Well done!“
Die weitere Versorgung ist in Verpflegungszelten organisiert, wobei die "Overseas Internationals" den Luxus einer herausgehobenen Bewirtung erfahren. Während die erfolgreichen Finalisten bereits feiern, spielen sich zum Ende der Sollzeit bis zum Zielschluss alljährlich dramatische Szenen ab, die von dem ohrenbetäubenden Lärm der Zuschauer begleitet werden und ein fester Bestandteil des Spektakels sind. 


Unsere kleine private Siegesfeier zelebrieren wir in Graham Shaperos "The Restaurant", zu diesem Zeitpunkt die Nr. 1 in Kapstadt.

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