Sonntag, 7. Oktober 2001

Chicago Marathon 2001 - The Windy City reloaded touched by 9/11

Den im Vorjahr gefassten Vorsatz einer Wiederholung setzen wir tatsächlich um. Weniger erfreulich als diese Tatsache ist der Umstand, dass 4 Wochen vor dem Marathontermin mehrere Tausend Menschen mit den Twin Towers des World Trade Centers in New York zu Opfern terroristischer Akte geworden sind. Zufällig saß ich zu Hause auf meinem Farradergometer, als diese Meldungen mit Aufzeichnungen im Fernsehen liefen. Unfassbar, was dort passiert ist. Das Entsetzen findet in den USA kaum Worte. Ein großes und mächtiges Land steht unter Schock.
Unsere Planung sah vor, mit unseren Freunden C+H anzu- reisen. C. ist ebenfalls für den Marathon gemeldet. Sie tritt jedoch zurück, weil für H. Reiseverbot seitens seines Arbeit- gebers besteht. Wir bedauern, unter diesen nachvollziehbaren Umständen alleine reisen zu müssen. Doch dann kam noch einmal alles anders. Unseren Freund Juppy haben meine be- geisterten Berichte vom Vorjahr dazu motiviert, "heimlich" bei einem Reiseveranstalter zu buchen. Mit seiner Reisegruppe ist er einen Tag vor uns nach Chicago geschlichen und befindet sich bereits vor Ort, als wir am Freitag vor dem Lauf anreisen. Beim Eintreffen im Hotel klärt uns eine Nachricht auf und verrät seinen Standort. Eine perfekte Überraschung!



 


Für unseren Aufenthalt haben wir die Hilton Towers als Unterkunft gewählt. Das Hotel liegt an der Michigan Ave auf der Höhe von Start und Ziel im Grant Park und ist gleichzeitig das offizielle Marathonhotel, in dem auch die Elite residiert. Das hat natürlich für uns seinen Preis, aber diesen Spaß erlauben wir uns.
Am Tag der Anreise holen wir noch unsere Startunterlagen ab und sind dann reif für die Nachruhe. Ein  Besichtigungsprogramm mit Juppy muss sich auf den Samstag konzentrieren, denn am Montag reist er bereits zurück.

Morning Jog an der Lake Shore














In der Frühe starten wir mit einem Läufchen an der Seepromenade, ehe wir das Frühstück in der Corner Bakery einnehmen. Die Rundfahrt mit einem Boot über die Kanäle und die Fahrt auf die Aussichtsplattform des Hancock Towers sind natürlich Pflichtprogramm.
Zum Pasta Dinner in unserem Hotel gehen wir ohne Juppy, weil er kein Ticket hat. Nach dem Dinner treffen wir die letzten Vorbereitungen für morgen und fallen in unser Bett.


Obwohl der Start vor unserer Tür liegt, geht der Wecker um 4:30 Uhr. So ist das, wenn man mit einer Frau verheiratet ist, die im Vergleich zur restlichen Menschheit vor einem Termin doppelt soviel zeitlichen Vorlauf reklamiert. Kurz vor 7:00 Uhr holen wir Juppy am Hotel ab, das gleich in der Nähe an einer Nebenstraße liegt, um zusammen zum Start zu gehen. Ehe wir uns in die Startaufstellung begeben, müssen schnell noch ein paar Fotos für den "Vorher-Nachher-Vergleich" aufgenommen werden.
 
Die eingangs angesprochenen terroristischen Ereignisse werfen ihre Schatten auf die Veranstaltung. Bei der Ankunft ist uns bereits aufgefallen, dass Amerika geflaggt ist und offizielle Flaggen auf Halbmast wehen. Von den ursprünglich 37.500 gemeldeten Teilnehmern sind nur 31.871 zum Start angetreten. Die verbleibenden Amerikaner, die ohnehin überwiegend sehr patriotisch eingestellt sind, kehren ihr nationales Ego nun besonders stark heraus. Sie bekennen sich aber auch zu ihrer Trauer. Viele Läufer tragen Trauerflor. Ein großer Teil der Läufer führt US-Flaggen mit oder hat sich kleine Flaggen an die Kleidung geheftet und die Flaggen ebenfalls mit Trauerflor versehen. Häufig sehen wir Hemden mit aufgedruckten Statements, die Auskunft darüber geben, wem dieser Lauf gewidmet ist. Kurz vor dem Start findet eine Schweigeminute statt, in der wir der Opfer, ihrer Leiden und dem Leid ihrer Angehörigen gedenken. Die Läufer stehen wie versteinert. Bewegung, Räuspern oder Flüstern sind eingestellt. Dann wird die Nationalhymne zelebriert, die viele Läufer voller Inbrunst und tief bewegt mitsingen. Auch uns lässt diese Szene nicht kalt. Wir spüren Gänsehautschauer auf unserer Haut und empfinden angesichts der sinnlosen Gewaltakte, die von politischen und religiösen Irrtümern geleitet sind, nicht nur ohnmächtige Wut, sondern vor allem humane Solidarität mit den Opfern und den Trauernden. Heute ist unser Lauf eine Demonstration der Solidarität gegen Gewaltakte des Terrors.

Der übliche Jubel zum Start eines Marathons bleibt heute aus. Das Feld setzt sich schweigend in Bewegung. Gisela und ich wollen zusammen laufen, solange es passt. Nach einer schweren und recht erfolgreichen Saison haben wir im laufenden Jahr bereits 6 Marathons und 6 Ultraläufe in den Beinen, darunter so harte Kanten wie sie am Rennsteig und beim Comrades vorzufinden sind. Wir müssen uns heute nichts beweisen und wollen den Lauf lediglich genießen.

Am Morgen lag die Temperatur noch bei 5 Grad. Mit der aufsteigenden Sonne wird es wärmer. Bis zum Mittag sind fast 20 Grad erreicht. Wir sind recht flott unterwegs, aber nach einer guten Stunde merke ich, dass es Gisela zu schnell wird und sie Mühe hat, nicht zurückzufallen. Um sich nicht gegenseitig Stress zu machen, erscheint es uns günstiger, wenn wir nun getrennt laufen. Nach 20 km liegen wir bei 1:46 Std. und verabschieden uns. Bei Halbmarathon zeigt die Uhr 1:51:30 Std. Ich erhöhe das Tempo. Vielleicht kommt mir ja noch Juppy entgegen, der vor uns liegt. Trotz meiner Bemühungen ist meine zweite Hälfte nur 3 Minuten schneller als die erste Hälfte. Am Ende lande ich bei 3.40:04 Std. und auf Platz 5.562 von 28.774 Finishern.


Juppy ist offensichtlich mit guter Form angereist. Er finisht mit 3:30:04 und belegt damit Platz 3.800. Dazu kann man nur gratulieren. Den Vorsprung hat er auf der ersten Hälfte mit 1:40 Std. erlaufen. Auf der zweiten Hälfte musste er seinem Tempo etwas Tribut zollen und hat 10 Minuten verloren. Das Ergebnis ist trotzdem aller Ehren wert und Juppy ist dementsprechend bestens gestimmt. Auf Gisela brauchen wir nicht lange zu warten. Sie hat zwar auf der zweiten Hälfte auch etwa 10 Minuten verloren, ist aber mit ihrer Endzeit von 3:53:24 Std. und Platz 8.561 mehr als zufrieden. 


Wir drei glückliche Finsher möchten jetzt noch ein wenig die Veranstaltung genießen. Das kann man am besten auf der Tribüne im Zielbereich, wo es inzwischen wieder freie Plätze gibt. Die schwungvolle Rockmusik belebt uns und animiert zu einem Tänzchen auf der Tribüne. Viele Läufer sind noch auf der Strecke und kommen nach und nach gleichzeitig glücklich und erschöpft ins Ziel. Angehörige, die mitunter in unserer Nähe stehen, sind jedes mal außer sich, wenn einer der erwarteten Teilnehmer eintrifft. Dieser Tag, der am Morgen noch ausge- sprochen schwerblütig und tief traurig begonnen hat, wendet sich offensichtlich für viele zu einem glücklichen Tag, den sie nicht mehr vergessen werden. Thank you so much, Chicago!


Am Montag ist Columbus Day, d.h. public holidays. Juppy muss erst am Vormittag zu seinem Rückflug aufbrechen, so dass wir noch einmal zusammen an der Lake Shore joggen können und auch gemeinsam zum Frühstück in die Corner Bakery gehen. Dann müssen wir uns verabschieden. "Gute Reise! Wir sehen uns in Deutschland!" Am Rursee und auch in Arolsen werden wir in den nächsten Wochen wieder gemeinsam Marathon laufen und in unseren Erinnerungen schwelgen.

Gisela und ich reisen erst morgen zurück. Wir wandern an dem erneut sehr schönen spätsommerlichen Tag an die Gold Coast bis zum Zoo. Zurück schlendern wir durch die Old Town. Im Grant Park spricht uns ein deutsches Mädel an. Sie ist als Au Pair hier, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Sie fühlt sich ein wenig einsam und freut sich nun, Deutsche zu treffen und mit ihnen deutsch zu sprechen.

Auf dem Rückflug wundern wir uns zunächst über die vielen Triathleten in unserer Maschine, bis wir erfahren, dass es sich um Teilnehmer des Ironman von Hawaii handelt, die sich ebenfalls auf dem Rückweg befinden. Den Helden gehört unsere große Bewunderung. Für uns ist dieser Zug abgefahren, aber in unserem nächsten Leben könnte uns das reizen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen