Samstag, 15. Mai 1999

Rennsteigmarathon 1999 - Weniger als ein Ultra, mehr als ein Marathon

Auf dem Rennsteig jedes Jahr steht die große Läuferschaar
Sind zu jeder Zeit bereit, ob es regnet oder schneit
Über Stock und über Stein, Rennsteigläufer willst Du sein
Doch bevor der Startschuss fällt, da singt die ganze Welt. 
(Lied der Rennsteigläufer zur Melodie des Schneewalzers)

Gisela und Helmut überlassen den "langen Kanten" Karlheinz und ziehen den Marathon mit Start ab Neuhaus vor. Marathon und Ultra-Trail starten in entgegengesetzten Richtungen. Im Ziel von Schmiedefeld treffen sich beide Läufe, wo am Mittag das große Wiedersehen der erfolgreichen Läuferhelden gefeiert wird.

Mit 637 m im Anstieg und 706 m im Abstieg sind auf der Marathonstrecke nicht weniger als 1.343 Höhenmeter zu bewältigen. Die Länge der Stecke variiert von Jahr zu Jahr etwas, liegt jedoch stets über der Marathondistanz von 42,195 km. 1999 sollen es ca. 43,5 km gewesen sein. Genau weiß es vermutlich niemand.

Am Rennsteig ist nicht nur der Kurs anspruchsvoll, sondern auch die Logistik. Gisela und Helmut fahren mit dem PKW von Stützerbach nach Schmiedefeld, wo sie das Fahrzeug bis für die Rückfahrt nach Stützerbach parken. Zum Start nach Neuhaus nehmen sie den Bus. Heide, wird später zu Fuß und durch den Wald von Stützerbach nach Schmiedefeld gehen.
Bevor der Startschuss in Neuhaus auf dem Vorplatz der GutsMuths-Halle fällt, wird erst einmal gesungen und geschunkelt. Traditionell singen die Marathoni zur Melodie des "Schneewalzers" das Rennsteigläuferlied und schunkeln sich dabei schon einmal warm. Trotz (oder wegen?) des holprigen Versmaßes gehen die ca. 3.000 Starter in bester Stimmung auf die Strecke.


Auf der Strecke
Auf den ersten 6 km können sich die Läufer auf dem welligen Straßenkurs einrollen, ehe die Route am ersten Getränkestand "Sandwieschen" in den Wald abzweigt. Das ständige Auf und Ab der Strecke lässt keinen gleich- mäßigen Laufrhythmus zu. Orientierung ermöglichen markante Streckenpunkte und Verpflegunsstellen.

Die erste Verpflegungsstelle liegt nach 10,6 km auf der Höhe des "Dreistromsteins". Von 818 m NN geht es über die nächsten 5 km kontinuierlich abwärts zur "Eisfelder Ausspanne", die nach 15,7 km erreicht ist. Jetzt wartet mit dem "Eselsberg" bei Km 18,8 der mit 841 m NN der höchste Punkt der Strecke auf die Läufer. Auf der Höhe befinden sich an der "Turmbaude" (ein Wahrzeichen des Rennsteigs) die nächste Verpflegunsstelle und eine Zwischenzeitnahme. 

Im Abstieg nach Masserberg gehen 56 Höhenmeter verloren, von denen nach Überquerung der Straße gleich wieder 40 m für den Anstieg zum "Esteberg" zurückzugewinnen sind. Auf dem steilen Abstieg zur "Schwalbenhauptwiese" sind über ca. 1 km gleich 122 m abzugeben. Dass die Läufer an einem Crosslauf teilnehmen, zeigt spätestens jetzt der holprige Hohlweg, der größte Vorsicht gebietet. Am Getränkestand nach 22,7 km ist bereits etwas mehr als die Hälfte der Strecke bewältigt. Ein Ausblick auf die erreichbare Endzeit ist nun abschätzbar.


Die Strecke verläuft nun vorerst parallel zur Straße und versorgt die Läufer bis Neustadt mit 3 weiteren spürbaren Anstiegen. In Neustadt befindet sich nach 29 km die nächste Verpflegungsstelle. Auf dem nächsten Km sind erneut ca. 50 Höhenmeter abzugeben, um sie auf dem folgenden Kilometer gegen den kräftigen Anstieg auf den "Burgberg" einzutauschen. Weitere 3 km geht es auf und ab, bis nach ca. 34 km die Getränkekstelle am "Großen Dreiherrenstein" erreicht ist. 

Der "Große Dreiherrenstein" steht auf der Mitte des Rennsteigs und weist das Jahr 1596 als das Jahr seiner Aufstellung aus. Er ist einer von 13 "Dreiherrensteinen" des Rennsteigs und liegt am Kreuzungspunkt alter Handelswege auf einer Wasserscheide. In seiner mehr als 400-jährigen Geschichte trafen am "Großen Dreiherrenstein" drei politische Territorien (in wechselvoller Geschichte) zusammen, so dass er als politisches Hoheitszeichen eine Grenzstelle markiert, die zugleich Wegkreuzung, Pass und Zollstation war.

Nach einem kleinen weiteren Anstieg geht es auf den beiden nächsten Km zunächst bergab über die kleine Ortschaft Allzunah, in deren Nähe mit der Lengwitz einer von 3 Quellbächen der Ilm entspringt. In südlicher Richtung ist ein Hügel zu überlaufen, bis nach ca. 38 km in der Ortschaft Frauenwald die letzte Verpflegungsstelle vor dem Ziel erreicht ist. Hier wird neben typischen Läufergetränken auch Köstritzer Schwarzbier angeboten. Gisela hat es eilig und schiebt das Bier auf bis nach dem Zieleinlauf. Helmut lässt es heute etwas gemütlicher angehen und nimmt einen köstlichen Schluck Bier, um sich mit diesem "Zaubertrank" für die letzten Kilometer zu stärken. 

Von Frauenwald, 762 m NN, geht es bis Schmiedefeld auf die Höhe von 622 m NN fast ausschließlich bergab. Bei einem Marathon mit Standardlänge wäre jetzt das Ziel erreicht, hier jedoch nicht!

Zieleinlauf Rennsteigmarathon 1999
Über ca. 500 m ist noch einmal ein schmerzhafter Anstieg von 89 m zum Niveau des Sportplatzes zu erklimmen. Spätestens jetzt beweist sich eine kluge Renneinteilung. Die Zuschauer stehen dicht gedrängt an der Strecke und unterstützen leidende Läufer mit Hochachtung und Begeisterung. Nach Erreichen des Sportplatzes ist noch eine 3/4 Stadionrunde bis zum Ziel zu laufen. Wer den bissigen Anstieg gehen musste, konzentriert seine letzten Reserven auf den Zieleinlauf. Alle, die den Anstieg im Laufschritt genommen haben, fliegen jetzt dem Ziel entgegen. Als kluge Läuferin hält Gisela auch auf dem letzten Hammeranstieg ihren Laufschritt und zieht auf der Stadionrunde einen langen Spurt bis zum Ziel.




Im Ziel erwartet Helmuts Frau Heide die einlaufenden Helden. Als vielfache Marathonteilnehmerin vermag sie die Leistungen der Läufer einzuschätzen und zu würdigen. Gisela erzielt eine Endzeit von 4:06:08 Std., mit der sie Platz 32 von 284 Frauen belegt. Helmut kommt mit 5:03:12 ins Ziel. Bis Karlheinz vom "langen Kanten" zurück ist, können die beiden Helden erst einmal verschnaufen. "Well done!"



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