Sonntag, 9. Oktober 1988

Unsere ersten Wettkämpfe: 8. Kölner Brückenlauf (15 km), Alexanderlauf (20 km) in Thessaloniki, Griechenland

K75_6953.jpg11.09.1988 Kölner Brückenlauf 15 km Den Beginn unserer mittlerweile 30-jährigen Lauf- und Wettkampfkarriere markieren zwei regionale Volksläufe, an denen Gisela ungewollt und nichtsahnend teilnimmt. Nach dem Sommerurlaub 1988 in Südtirol breche ich Mitte September mit Freunden zu einer einwöchigen Hüttentour in den Ötztaler Alpen auf. Gisela kann uns wegen des Schulbetriebs nicht begleiten. Tomas B., ein lauferfahrener Freund, motiviert Gisela zur Teilnahme am 8. Kölner Brückenlauf, der am 11.09.1988 über 15 km geht. Gisela hat zunächst Bedenken, obwohl ihre Form dank des kürzlichen begonnen Lauftrainings und des gerade erst absolvierten Bergurlaubs exzellent ist. Mit Tomas an ihrer Seite wird der Brückenlauf zu einer Erfolgs-Story, die über den Alexanderlauf in Thessaloniki, Griechenland, geradewegs in ein neues Leben führt.


11.09.1988 Urkunde Kölner Brückenlauf 15 km Während Gisela in der zweiten Septemberhälfte 1988 wegen einer Klassenfahrt verreist ist, finde ich im Briefkasten eine Nachricht von Harald Rösch.(1) Zum Brückenlauf am 11. September 1988 war eine Gruppe der Kölner Partnerstadt Thessaloniki eingeladen. Thessaloniki spricht eine Gegeneinladung für jeweils 3 Kölner Läuferinnen und Läufer zum Alexanderlauf am 9. Oktober 1988 aus. Gisela ist als eine der schnellsten Kölnerinnen des Brückenlaufs nominiert. Da die Wochenendreise nach Thessaloniki in weniger als 2 Wochen stattfindet, ist eine kurzfristige Entscheidung zu treffen. Gisela ist auf der Klassenfahrt nicht erreichbar. Internet und Mobilfunk existieren 1988 noch nicht. Im Lauftraining teste ich eine Distanz über 20 km ohne besondere Probleme. Das Risiko können wir eingehen. Ungefragt sage ich in ihrem Namen zu und erhalte die Zusage, an der Reise teilnehmen zu können, wenn ich meine Flugkosten selbst zahle. Für eingeladene Teilnehmer trägt die Stadt Köln die Flugkosten. Thessaloniki übernimmt alle Kosten vor Ort.

Bei Giselas Rückkehr von der Klassenfahrt ist die Überraschung groß. Noch größer sind ihre Bedenken. Die Distanz von 20 km ist sie noch nie gelaufen und schon gar nicht in einem Wettkampf. Für eine sinnvolle Vorbereitung ist der verbleibende Zeitraum zu kurz.

Harald Rösch ist Organisator der Reise. Die Gruppe komplettieren Marie Lotter, eine junge Studentin, Heide Walter, eine 8 Jahre ältere Läuferin mit Marathonerfahrung, sowie die leistungsstarken Läufer Jürgen Widder (ASV Köln), Herbert Einsiedel (Unteroffizier und Lauftrainer der Bundeswehr), Michael Cogghe (Soldat eines in Köln stationierten belgischen Regimentes und Gesamtsieger des Kölner Brückenlaufs 1988). Einige Tage vor der Reise finden sich die eingeladenen Teilnehmer für Fotos im Dumont-Verlagshaus ein, damit am 8. Oktober ein Vorbericht im Kölner Express erscheinen kann.

K75_6957.jpg

Als völlig unerfahrene Laufanfänger treten wir am 8. Oktober mit mulmigen Gefühlen die Reise an. In Thessaloniki werden wir als VIP’s hofiert. Am Flughafen erwartet uns eine deutsch sprechende junge Dame, Mitarbeiterin der Stadt Thessaloniki. Unsere Betreuerin begleitet und betreut unsere Reisegruppe über die beiden Tage des Aufenthaltes äußerst engagiert und liebenswürdig. Ein Bus mit Fahrer steht für 2 Tage exklusiv zu unserer Verfügung. Untergebracht sind wir in einem der besten Hotels der Stadt. Am Nachmittag bringt uns eine Stadtrundfahrt Thessalonikis zahlreiche Sehenswürdigkeiten näher. Mit Heide entwickelt sich eine spontane Freundschaft.

Per VIP-Bus fahren wir vom Hotel zum Start des Alexanderlaufs. Nach einem Gruppenfoto für den Kölner Express werden wir in die vorderste Startreihe geschickt und posieren für weitere Fotos.(2) Harald Rösch läuft mit, aber er wird ebenso wie Marie, Heide, Gisela und ich nach dem Startschuss schnell durchgereicht. Michael, Herbert und Jürgen rechnen sich Chancen auf eine Top-Platzierung aus und sind im Pulk der Spitzengruppe schnell davon geeilt. Am Ende reicht es nicht für einen der vorderen Plätze. Die Drei wittern Betrugsverdacht. Tatsächlich wäre Betrug auf dem Straßenkurs leicht möglich und nur schwer zu beweisen. Der Laufkurs nutzt überwiegend eine breite Straße, auf der motorisierter Verkehr fließt und lediglich eine Spur für Läufer abgeteilt ist. Gisela, Heide und ich bleiben bis ca. 15 km zusammen. Bei hohen Temperaturen habe ich am Ende mehr Reserven als meine beiden Begleiterinnen und laufe zum Ziel voraus. Den ersten Langstrecken-Wettkampf meines Lebens finishe ich knapp über 1:30 Std.. An genaue Endzeiten erinnern wir uns nicht mehr, aber wir waren mit unseren Zeiten zufrieden und im Ziel stark erschöpft. Gegen Abend fliegen wir zurück nach Köln. Beim emotionalen Abschied am Flughafen von Thessaloniki fließen Tränen.(3) In Köln wird Heide von Helmut abgeholt. Wir wollen in Kontakt bleiben, versichern wir uns, ehe sich die Wege trennen.

Das intensive, ereignisreiche Wochenende wirkt lange nach und bildet den furiosen Auftakt einer langen Wettkampfkarriere, von der wir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ahnen können, wohin sie uns bringen und wie sie uns formen wird. Die Reise nach Thessaloniki markiert zugleich den Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit Heide Walter und ihrem Mann Helmut.(4) 2011 ist Helmut verstorben. Der Verlust schmerzt bis heute.(5)

Anmerkungen
  1. Damals Mitarbeiter Kölner Stadtsportbundes und von 1997 bis 2010 Renn-Direktor des Köln-Marathons
  2. Harald Röschs Zusage zur Weiterleitung der Fotos wurden trotz mehrerer Nachfragen nie eingelöst.
  3. Als Dank für die liebenswürdige Betreuung schicken wir nach Rückkehr unserer Betreuerin mehrere Tüten Lakritz-Katjes, die sie leidenschaftlich mag.
  4. Blog Heide Walter: duexerfruende - Heide Walter zum 70. Geburtstag Blog
  5. Nachruf Helmut : duexerfruende - Helmut läuft nicht mehr

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen